Bühne Sklavinnen des Wohlstands: „In den Gärten oder Lysistrata Teil 2“ von Sibylle Berg

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Dauer
Sendedatum
Sendezeit
12:33 Uhr
Sender
SWR2

In der Post-#Me-too-Ära gibt es kaum noch ein Theaterstück, das sich nicht mit dem Machtgefüge zwischen Mann und Frau beschäftigt. So auch in der Premiere am Theater Basel am Samstag – hier kam ein neues Stück von Sibylle Berg zur Uraufführung. Berg hat soeben den Schweizer Buchpreis gewonnen. Mit „In den Gärten oder Lysistrata Teil 2“ dreht sie einen antiken Stoff um: statt der Frauen, die bei Aristophanes in den Sexstreik gehen, um die kriegführenden Männer zum Frieden zu zwingen, sind es hier die Männer, die streiken – und sich dabei selbst abschaffen.

Bühne Sklavinnen des Wohlstands: „In den Gärten oder Lysistrata Teil 2“ von Sibylle Berg

In den Gärten oder Lysistrata Teil 2 von Sybelle Berg am Theater Basel (Foto: Sandra Then)
Schon merkwürdig, dieses in der Zukunft angesiedelte Museum der Mann-Frau Beziehungen. Denn Männer sind mittlerweile ausgestorben, erfährt das Publikum von fünf Frauen mit pinker, grüner und blauer Hautfarbe. Was war das damals zwischen Mann und Frau, fragen sie und schieben drei Männer in einem Glaskasten herein, die da drin hocken wie ausgestopfte Tiere. Sandra Then Bild in Detailansicht öffnen
Aus der Zukunft einen Blick auf unsere Gegenwart zu werfen und das Mann-Frau Verhältnis ironisch zu betrachten, hat sich die Autorin Sibylle Berg mit ihrem neuen Stück vorgenommen. Das ist auch erstmal ein gekonnter Kniff – das Heute als etwas Fremdes zu betrachten. In dem grellweißen Museumssaal auf der Bühne zeigen acht große Schaukästen jeweils die Wohnungselemente des Pärchenglücks: ein Bett, ein Bad, eine Küchenzeile, ein Esstisch. Sandra Then Bild in Detailansicht öffnen
Dabei scheut sich der Text nicht, auf wirklich jedem bekannten Klischee herumzureiten, das das Themenfeld Mann-Frau-Beziehung nun mal so bietet: Männer sitzen meistens arbeitslos auf dem Klo und bewundern ihren Penis, sind dauererregt, dumm und selbstherrlich, dazu wahlweise Nazis, pädophil oder schwul. Außerdem stehen sie auf Krankenschwestern mit großen Brüsten. Sandra Then Bild in Detailansicht öffnen
Frauen halten sich in Bad oder Küche auf, müssen vom Job bis zum Haushalt alles alleine wuppen, machen sich fertig wegen ihres Aussehens, haben keinen Spaß am Geschlechtsverkehr und schauen in der Missionarsstellung traurig an die vergilbte Zimmerdecke. Doch wenn sie verliebt sind, machen sie verdammt viele Zugeständnisse. Sandra Then Bild in Detailansicht öffnen
Das Publikum amüsiert sich bei diesem Exzess an bösen Klischees – schließlich ist es typisch für Sybille Berg, der Gegenwart einen gnadenlosen Spiegel vorzuhalten. Doch danach sucht man in diesen ressentimentbelasteten Tiraden vergeblich. Sandra Then Bild in Detailansicht öffnen
Christina Arcos Cano, Linda Blümchen, Julia Nachtmann, Anica Happich, Vincent zur Linden, Carina Braunschmidt, Moritz von Treuenfels und Urs Peter Halter Sandra Then Bild in Detailansicht öffnen

Die übermäßig vollgestopfte Inszenierung bringt dieselbe Angst vor der Beziehungsleere auf die Bühne, die der Text ständig beschwört. Schrecklich diese Leere, vor allem im Theater.

„In den Gärten oder Lysistrata Teil 2“ von Sibylle Berg, nach Aristophanes, am Theater Basel. Die nächsten Aufführungen am 28. November, 6. und 15. Dezember 2019.

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