Bühne Herrlich bescheuert: Herbert Fritsch inszeniert „Amphitryon“ an der Schaubühne Berlin

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Sendezeit
18:40 Uhr
Sender
SWR2

Auch an seiner neuen Theaterheimat, der Berliner Schaubühne, setzt Schauspieler und Regisseur Herbert Fritsch auf Exzess, Körperakrobatik, Spiellust und herrlich bescheuerte Albernheiten. In der Premiere von Molières „Amphitryon“ spielt auch der vom Wiener Burgtheater an die Schaubühne gewechselte Theaterstar und Bestseller-Autor Joachim Meyerhoff mit. Wo radikal nichts ernst genommen wird, gibt es auch keine Fehler, kein Versagen. Das pure Vergnügen am Spiel ist hier am Werk, was den oft bleiernen Abenden an der Schaubühne mit politischem Aufklärungswillen guttut.

Bühne Herrlich bescheuert: „Amphitryon“ an der Schaubühne Berlin

„Amphitryon“ an der Schaubühne Berlin (Foto: Schaubühne Berlin / Thomas Aurin)
Die Ouvertüre im Dunkeln setzt den Ton – und entführt bereits akustisch in die schräge Welt von Betrug, Doppelgängertum, Verwechslung und Identitätsschock. Stellen Sie sich vor, Sie kommen nach Hause und jemand, der erklärt, Sie selbst zu sein, verweigert Ihnen den Zutritt zu Ihrem Haus und ihrer Frau? So geschieht es dem Feldherrn Amphitryon. Schaubühne Berlin / Thomas Aurin Bild in Detailansicht öffnen
Auf dem Platz von Amphitryon hat sich der Gott Jupiter breit gemacht. Der ist nämlich in Amphitryons Ehefrau verknallt, will mit ihr eine Nacht verbringen und nimmt dafür kurzerhand die Gestalt des Ehemannes an. Schaubühne Berlin / Thomas Aurin Bild in Detailansicht öffnen
Ebenso ergeht es dem Diener des eigentlichen Hausherrn – an seine Stelle ist Gott Merkur getreten und die Identitätskrise ist perfekt: „Doch wenn ich mich betrachte und wenn ich mich ein wenig berühre, so glaube ich dennoch, ich zu sein. Wer hilft mir, dass ich mich nicht ganz verliere. Was ist hier Wahrheit? Was ist Schein?“ Schaubühne Berlin / Thomas Aurin Bild in Detailansicht öffnen
Das sind natürlich schöne Fragen für die Bühne, und Herbert Fritsch beantwortet sie mit seinen ganz eigenen Theatergesetzen. Denn die Doppelgänger sind die teils attraktivere oder mutigere Variante ihrer Originale. Schaubühne Berlin / Thomas Aurin Bild in Detailansicht öffnen
Das neue Ensemblemitglied der Schaubühne Joachim Meyerhoff (links) spielt seelenzart einen vor Angst und Verzagen schlotternden Diener Sosias – der Götterzwilling Merkur hingegen ist ein lispelnder Kraftprotz, der allen eine reindreschen möchte (Sebastian Reiber). Schaubühne Berlin / Thomas Aurin Bild in Detailansicht öffnen
Wer bin ich also – und wie viele? So lautet deshalb die Spielansage des Abends. Sie schert sich weniger um die Handlung als um unendliche Variationen von Eigenschaften, Charakteren und Genres. Schaubühne Berlin / Thomas Aurin Bild in Detailansicht öffnen
Durch die Seitengassen der zehn bunten, zentralperspektivisch angeordneten Papierportale stürzen, purzeln, hüpfen, zappeln und zucken nun die Figuren und überschlagen sich im Angebot ihrer vielfältigen Persönlichkeiten. Ob im Tatort-Stil, mit englischem oder französischem Akzent, ob als Grönemeyer-Lied, als cholerische Sissi oder Hitler-Verschnitt - hier gibt es nichts, was es nicht gibt. Auch die schrottige Musicaleinlage fehlt nicht. Schaubühne Berlin / Foto: Thomas Aurin Bild in Detailansicht öffnen
Herrlich bescheuerte Albernheiten, denn auch in „Amphitryon” setzt Herbert Fritsch auf Schauspielexzess, Körperakrobatik und die tollwütige Spiellust der Darsteller. Das ist nicht einfach belanglos, sondern ein von Schwere befreites Theatervergnügen. Schaubühne Berlin / Thomas Aurin Bild in Detailansicht öffnen
Wo radikal nichts ernst genommen wird, gibt es auch keine Fehler, kein Versagen. Das pure Vergnügen am Spiel ist hier am Werk, was den oft bleiernen Abenden an der Schaubühne mit politischem Aufklärungswillen guttut. Eine Ahnung vom Till-Eulenspiegel-Gauklertum, das der Welt die lachende Fratze vorhält. Schaubühne Berlin / Thomas Aurin Bild in Detailansicht öffnen

„Amphitryon“ von Molière an der Berliner Schaubühne, in der Regie von Herbert Fritsch. Aus dem Französischen von Arthur Luther. Die nächsten Aufführungen am 15., 17., 18., 20. und 31. Oktober 2019.

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