Bühne Großer Spaß mit verdrehten Klischees: „Schneewittchen Beauty Queen” in Zürich

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Dauer
Sendedatum
Sendezeit
12:33 Uhr
Sender
SWR2

Schneewittchens Mutter als zickige Absteigerin im Schönheitsranking? Der einsame Wolf im Wald, um den sich Rotkäppchen Sorgen macht? - Regisseur Nicolas Stemann dreht in seiner Bühnen-Märchenstunde „Schneewittchen Beauty Queen” am Schauspiel Zürich manches Klischee um - und macht damit ihren anarchischen Grundgestus deutlich. Manches erinnert an das Berliner Grips-Theater. Aber es hält der Gegenwart mit ihren überforderten Multi-Tasking-Eltern und internetabhängigen Wohlstands-Kids auch das "Spieglein-an-der-Wand" vor. Das ist origineller als manches Erwachsenen-Theater.

Bühne Großer Spaß mit verdrehten Klischees: „Schneewittchen Beauty Queen” in Zürich

Schneewittchen von Nicolas Stemann nach den Gebrüdern Grimm am Schauspiel Zürich (Foto: Zoé Aubry)
Ein bißchen Etikettenschwindel ist schon dabei. Denn Nicolas Stemann inszeniert beileibe nicht nur „Schneewittchen“ (Tabita Johannes), sondern mindestens auch noch „Rotkäppchen und der böse Wolf“ und nebenbei ein paar andere sehr aktuelle Dinge wie „Germany’s next Topmodel“, die Neue Deutsche Welle als Disco-Fever, kindliche Internet-Abhängigkeiten und elterliche Überbeanspruchung in Familie und Beruf. Es scheint, dass Stemanns erste „richtige“ Züricher Inszenierung eine Art prototypische Überschreibung des Märchen-Genres schlechthin sein soll, eine Art Versuchsballon, mit dem er die berühmte Pfauenbühne nun den Kindern überantwortet, die die reichen Abonnenten vom Züriberg ersetzen. Zoé Aubry Bild in Detailansicht öffnen
Zu Beginn betritt ein langhaariger Althippie mit einem riesigen Märchenbuch die Szene und beklagt sich über die schlechten Verdienstmöglichkeiten seines Berufs. Märchenerzähler, das muss, trotz bester Ausbildung, ein Hungerleider-Job sein. Da flüchtet man sich, wie der Schauspieler Lukas Vögler das tut, am besten in Selbstironie. Vögler und wohl auch sein Regisseur Stemann möchten den Kindern, den sogenannten „Piepelfratzen“ ,weniger Schneewittchen als vielmehr die ganze Welt erklären – aber dazu muss man in Zürich bei einem Aufpasser ganz viele Anträge stellen, die natürlich alle abgelehnt werden. Zoé Aubry Bild in Detailansicht öffnen
Die Methode, die der Regisseur anwendet, ist eigentlich einfach. Er nimmt die Märchen scheinbar ernst und parodiert sie dann ins Heute hinein; er legt den oft grauslichen Kern der Geschichten frei, indem er sie leicht und flockig ins Comedy-Format übersetzt. Und er dreht die Gewaltverhältnisse oft einfach um: da läuft dann ein einsamer Wolf in den dunklen Wald hinein, und das Rotkäppchen macht sich Sorgen um ihn. Zoé Aubry Bild in Detailansicht öffnen
Schneewittchen, auf Schwyzerdütsch: Schneewittli (Giorgina Hämmerli) ist in Zürich ein naives Mädchen, ihre Mutter dagegen eine zickige Beauty Queen, die ihren Abstieg im Schönheits-Ranking nicht ertragen kann. Der Spiegel, nicht zu verwechseln mit dem Nachrichtenmagazin, sagt tatsächlich die Wahrheit und schämt sich dann. Zoé Aubry Bild in Detailansicht öffnen
Wichtiger sind allerdings die extrem ausländerfeindlichen Zwerge, die zwar Varianten von Purcells Frost-Arie singen, aber nicht wirklich bis sieben zählen können – es sind in Zürich nämlich nur sechs Zwerge. Sie heißen Zwingli, Dada, Dürri, Fischli-Weiss, Spürli und Sprüngli. Als sie Schneewittchen in ihrem Haushalt anstellen, fragen sie: was ist dein Nutzen? Kannst du spülen? Kannst du putzen? Dieses mitleidlose Schweizer Miteinander löst sich dann parodistisch in ein Drei-Generationen-Haus auf und wird mit viel Musik abgefedert. Zoé Aubry Bild in Detailansicht öffnen
Nicolas Stemanns Märchenstunde kommt zunächst stinkkonventionell daher und gibt ihren anarchischen Grundgestus erst nach und nach preis. Sie teilt nach links und rechts aus, erklärt den Unterschied zwischen Brutto und Netto, nimmt verwöhnte Züricher High-Society-Kids auf den Arm und will ihnen trotzdem so etwas wie Wahrheit vermitteln. Manchmal meint man sogar das alte politische Berliner Grips-Theater zu erkennen. In der Pause gibt es, kaum zu glauben, „vegane Äpfel“. Am Ende baut Schneewittchens Vater einen Wolkenkratzer in den abgeholzten Märchenwald. Er heißt „Glassarg 21“. Will sagen: Stemanns Züricher kritisches Kindertheater ist realitätstüchtig und hat Zukunft. Und es ist vielleicht sogar origineller als die Erwachsenenabteilung. Zoé Aubry Bild in Detailansicht öffnen

„Schneewittchen Beauty Queen” am Schauspiel Zürich in der Regie von Nicolas Stemann. Die nächsten Aufführungen am 13., 16. und 17., am 23., 24. und 26. November 2019.

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