„Die Möwe” von Anton Tschechow, in der Regie von Christian Weise am Nationaltheater Mannheim (Foto: Nationaltheater Mannheim)

Bühne Das wahre Leben spielt anderswo: Tschechows „Möwe“ am Nationaltheater Mannheim

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Dauer
Sendedatum
Sendezeit
12:40 Uhr
Sender
SWR2

Vielleicht ist die Bezeichnung „Komödie“ ja nur ein Trick, um gewichtige Inhalte unter der Tarnkappe des Humors an Mann und Frau zu bringen. Tschechows Stück „Die Möwe“ ist jedenfalls eine Komödie dieser Art, bei der sich ein talentierter junger Mann in den Kopf schießt. Am Nationaltheater Mannheim inszeniert Christian Weise die „Möwe“ als Kreislauf aus unerwiderten Gefühlen und leeren Posen. Der Grundton dieses Stücks ist wehmütig: Keine Liebe, keine Erlösung durch Kunst. Das wahre Leben findet irgendwo anders statt.

Bühne Das wahre Leben spielt anderswo: Tschechows „Möwe“ am Nationaltheater Mannheim

„Die Möwe” von Anton Tschechow, in der Regie von Christian Weise am Nationaltheater Mannheim (Foto: Nationaltheater Mannheim)
Konstantin liebt Nina. Nina aber liebt nicht etwa Konstantin, sondern Trigorin. Trigorin jedoch ist eitel. Er liebt vor allem sich selbst – und seine Kunst, er ist nämlich Schriftsteller. Nationaltheater Mannheim Bild in Detailansicht öffnen
Christian Weise inszeniert Tschechows „Möwe“ als einen Kreislauf aus unerwiderten Gefühlen und leeren Posen. Irgendwie lieben und reden hier alle aneinander vorbei und hoffen, wenn nicht durch die Liebe, dann immerhin durch Literatur und Schauspiel erlöst zu werden. Nationaltheater Mannheim Bild in Detailansicht öffnen
Bei Tschechow klingt das so gemütlich: Familie und Freunde treffen sich im Sommerhaus am See. Ein Setting für schöne Menschen, gutes Essen an langen Tischen. Nationaltheater Mannheim Bild in Detailansicht öffnen
Deutlich wird das auch an den bunten und blumigen Kostümen, an den übermütigen Sonnenschirmen und Reifröcken, die wirken wie die Ausstattung für ein impressionistisches Picknick. Nationaltheater Mannheim Bild in Detailansicht öffnen
Aber: Das Bühnenbild in Mannheim kippt diese Gemütlichkeit in einen abstrakten Raum – gleich drei hintereinander geschichtete schiefe Ebenen werden bespielt. Drei Ebenen, die an eine Art erstarrte gelbe Welle erinnern. Nationaltheater Mannheim Bild in Detailansicht öffnen
Die Figuren können sich hier nur angestrengt gerade halten, für das Publikum sind so nicht immer alle Bühnenteile sichtbar. Nationaltheater Mannheim Bild in Detailansicht öffnen
„Die Möwe” von Anton Tschechow, in der Regie von Christian Weise am Nationaltheater Mannheim Nationaltheater Mannheim Bild in Detailansicht öffnen
Denn außer um die Liebe geht es in diesem Stück auch um das Theater selbst. „Neue Formen“ sucht der angehende Schriftsteller Konstantin. Er hat eigens ein entsprechendes Stück für Nina geschrieben. Nationaltheater Mannheim Bild in Detailansicht öffnen
Tatsächlich ist diese Suche nach „neuen Formen“ aber nur ein unausgegorener Gedanke. Die Aufführung ist lächerlich, was Vassilissa Reznikoff als Nina gelungen zeigt, sie spielt sehr gut sehr schlechtes Theater. Nationaltheater Mannheim Bild in Detailansicht öffnen
Tschechow hat sein Stück eine Komödie genannt, diese Gattungsbezeichnung führt in die Irre, zwar gibt es auch in Mannheim viele amüsante Momente. Und die quäkende Orgel von Jens Dohle rückt alles in eine leicht ironische Richtung. Nationaltheater Mannheim Bild in Detailansicht öffnen
Aber der Grundton dieses Stücks ist wehmütig – man versteht das besonders gegen Ende - als Konstantin und Nina wieder aufeinandertreffen, gealtert und erwachsen. Die einst spielerischen Posen sind nun zu Berufen geworden: sie ist Schauspielerin, er ist Schriftsteller, bekannter noch als sein Rivale Trigorin. Nationaltheater Mannheim Bild in Detailansicht öffnen
Aber die Konflikte sind geblieben, keine Liebe, keine Erlösung durch Kunst. Das wahre Leben findet irgendwo anders statt. Nationaltheater Mannheim Bild in Detailansicht öffnen

„Die Möwe“. Komödie von Anton Tschechow in der Regie von Christian Weise am Nationaltheater Mannheim. Übersetzung von Angela Schalenec. Die nächsten Aufführungen am 13., 19. und 25. Dezember 2019 sowie am 5. und 11. Januar 2020.

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