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Das Zimmertheater in Heidelberg ist das zweitälteste seiner Art in Deutschland und seit seiner Gründung 1950 ununterbrochen in Betrieb. Am 8. Januar jenes Jahres feierte es seine erste Premiere mit dem Stück „Die Glücklichen Tage“ von Claude André Puget. Seitdem hat die kleine Bühne mit ihren 93 Plätzen glückliche und schwierige Tage erlebt. Immer wieder stand die Existenz des Zimmertheaters auf der Kippe. Doch mit intelligenter und feiner Unterhaltung hat das Haus bis heute seinen Platz behauptet.

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12:33 Uhr
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Lilian Harvey: Im Zimmertheater spielen ist „etwas Himmlisches”

„Ich bin wirklich gewohnt, in den größten Häusern zu spielen. Aber noch nie ohne Rampe. Das ist sehr, sehr dicht, wissen Sie,“ schilderte die Schauspielerin Lilian Harvey in einem SDR-Interview Anfang der 60er Jahre ihr Gastspiel beim Heidelberger Zimmertheater.

„Ich muss sagen: das Kollektiv in diesem Zimmertheater ist etwas Himmlisches“, so der Nachkriegsstar damals. „Ich habe zuerst allen gesagt: Kinder wie könnt ihr nur hier spielen, ihr müsst doch sterben vor Angst? Und dann haben sie gesagt: Na warten sie nur ab, sie werden sich schon sehr dran gewöhnen.“

„Das kurze Leben der Fakten“ von Jeremy Kareken am Zimmertheater Heidelberg (Foto: Zimmertheater Heidelberg)
Lena Sabine Berg, Werner Opitz und Fabian Jung in der Inszenierung von „Das kurze Leben der Fakten” am Zimmertheater in Heidelberg Zimmertheater Heidelberg

Neue Autoren aus Frankreich, den USA und Großbritannien

Auch wenn der Ton sich seitdem geändert hat: Es sind Intimität und Nähe zwischen Publikum und Schauspielern, was das Heidelberger Zimmertheater bis heute ausmacht. Gegründet wurde es von einer Truppe junger Schauspieler, die im Nachkriegsdeutschland nach Auftrittsmöglichkeiten suchten.

Einer von ihnen war Karl-Heinz-Walther. Er erzählte 1990 in einem Interview folgendes über die Anfänge. „Die großen, etablierten Theater haben im Grunde 1945 oder 1946 da weitergemacht, wo sie 1944 aufgehört haben. Wir haben die Franzosen, die Amerikaner und Engländer und alles gespielt.“

Eingang des Zimmertheaters  (Foto: Zimmertheater Heidelberg)
Eingang zum Heidelberger Zimmertheater Zimmertheater Heidelberg

Bald im Repertoire: Tenessee Williams, Thornton Wilder und Ionescu

Stücke wie Tennessee Williams‘ „Die Glasmenagerie“ oder Thornton Wilders „Unsere kleine Stadt“ standen hier schon auf dem Spielplan, als sie noch kaum einer kannte. Eine völlig neue Form der Dramatik wurde hier geboten. „Das war einfach ein Aufbruch“, so Karl-Heinz Walther. „Wir waren das erste Theater, das nach dem Krieg in Paris gastierte. Da lernte ich Beckett kennen, Ionesco, den Übersetzer Tophoven. Ich kam nach Heidelberg zurück und hätte den Godot erstaufführen können oder ,Die Stühle‘ von Ionesco. Das passte damals nicht ins Repertoire, aber ein Jahr später haben wir es gebracht.“

Ute Richter: Seit 34 Jahren Intendantin am Zimmertheater Heidelberg

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Selbstbehauptung mit intelligenter und feiner Unterhaltung

Seit diesen euphorischen Anfangsjahren hat sich vieles verändert. Immer wieder stand die Existenz der kleinen Hinterhausbühne auf der Kippe – wegen finanzieller Engpässe oder eines auslaufenden Mietvertrags. Auch die Theaterlandschaft ist vielfältiger geworden. Fast jedes Stadttheater betreibt heute eine kleine Studiobühne für Experimente. Aber das Heidelberger Zimmertheater behauptet sich tapfer. Es setzt auf intelligente und feine Unterhaltung. Und es spielt die Stücke en suite.

Aber kein Boulevard, das ist der langjährigen Intendantin Ute Richter wichtig. Die Achtzigjährige ist gerade dabei, ihre Nachfolge zu regeln. Es stehen also Veränderungen ins Haus. Was wohl immer bleibt ist, dass die intime Bühne eine Herausforderung ist für die Schauspieler, denn, so Richter, „die Zuschauer hören und sehen, was sie denken. Und schlimmer: sie sehen und hören, was sie nicht denken.“

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