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Armida Quartett spielt Fugen Traumwandlerisch sicher

CD-Tipp vom 12.9.2017

CD-Cover Armida Quartett

CD

Titel:
Armida Quartett | Magna Fuga
Label:
AVI 8553380

"Fugales, kontrapunktisches Denken und Komponieren ist die Königsdisziplin der europäischen Musik, seit diese um 1200 aus dem Schatten der mündlichen Überlieferung in die Schriftlichkeit der Mensural-Notation heraustrat“ – schreibt der Geiger und Barockspezialist Reinhard Goebel im Booklet der CD „Fuga Magna“ mit dem Armida Qartett aus Deutschland, das 2012 den ARD-Wettbewerb gewann. Das Armida Quartett gehört zu den Rising Stars der europäischen Konzerthallen und wurde von der BBC, Radio BBC 3, als "new generation artists" gefördert. In Koproduktion mit der BBC ist auch diese CD entstanden und beim Kölner Label AVI veröffentlicht. Sie enthält Fugen, die zwischen 1600 und 1826 entstanden sind, Fugen von Valentin Hausmann bis zur Großen Fuge op. 133 von Ludwig van Beethoven. Alessandro Scalatti, Johann Sebastian Bach, dessen Schüler Johann Gottlieb Goldberg (mit einer fugenhaltigen, viersätzigen Sonate) und Wolfgang Amadeus Mozarts "Adagio und Fuge" sind auch dabei.

Nahezu vibratoloses Spiel
Die CD ist, wie Reinhard Goebel es treffend nennt, eine "Reise 'mit Sieben-Meilen-Stiefeln'" auf dem Fugen-Kontinent, eine Verbeugung vor dem musikalischen Wunderwerk dieser streng geordneten oder aber auch freieren musikalischen polyphonen Form, der Fuge also, die – sofern sie vierstimmig ist – ideal vom Streichquartett zum Klingen gebracht werden kann. Das Armida Quartett versteht es, die Kompositionen unterschiedlicher Epochen einfühlsam auf das Streichquartett zu übersetzen. Seine Mitglieder haben sich deutlich vernehmbar eingehört in den Klang von Gamben-Consorts, beherrschen das nahezu vibratolose Spiel, barocke Artikulation und Agogik traumwandlerisch sicher. Und so haben mich besonders die 1602 gedruckten zwei Fugen von Valentin Hausmann sofort in Bann gezogen.

Reise durch die Welt der Fuge
Das übersubjektive, wohlgeordnete Spiel mit Melodien lässt eine gleichsam kosmologische, höhere Harmonie entstehen, einen Ort, den man nur ungern verlässt. Gut 100 Jahre später, aber aus einem ähnlichen Geist gestaltet, sind die Eröffnungssätze der Sonaten ohne Cembalo für vier Stimmen von Alessandro Scarlatti, deren dritter dann allerdings als Tanzsatz vom Himmel auf fürstliches Parkett führt. Die überirdische Schönheit der Fuge mischt sich bei Bach mit der kunstvollen musikalischen Wissenschaft, die freilich nicht rein spekulativ ist und darum keine Papierkunst bleibt. Johann Sebastian Bachs früh verstorbener Schüler Johann Gottlieb Goldberg ist auf der CD mit einer viersätzigen Sonate in c-Moll vertreten, bei der sich das Armida Quartett mit dem Cembalisten Raphael Alpermann um eine Basso continuo-Ergänzung erweitert hat. Der zweite Satz dieser Sonate ist 'natürlich' eine Fuge. Goldbergs spätbarocke inspirierte Sonate, die mit einer Giga fugatohaft abschließt, ist übrigens eine echte Entdeckung! Wolfgang Amadeus Mozarts Adagio und Fuge führt dann in eine ganz andere Welt, nämlich in die des Individuellen, ja Existenziellen. Gerade dadurch, dass dieses Werk nicht, wie zumeist, von einem Kammerorchester gespielt wird, tritt das Flüchtende des Einzelnen, der einzelnen Stimme, deutlich hervor. Das lateinische "Fuga" bedeutet ja nichts anderes als Flucht. Insofern ist Beethovens Große Fuge, die 50 Jahre später als Mozarts entstand und den Abschluss der CD bildet, letzterer näher als etwa Bachs Fugen. Neben den Ausdruck des Dramatischen, Existenziellen und Gehetzten und Leidenschaftlichen tritt bei Beethoven noch das Postulat des Humanen bzw. die politisch-gesellschaftliche-menschliche Conclusio, das Credo der "Fraternité", als Ausweg aus den Konflikten hinzu.

Lohnend
Knapp eine Stunde dauert die Reise des Armida Quartett durch die Welt der Fuge – leider nicht länger. Musik ist eine flüchtige Kunst, die Fuge noch flüchtiger. Die Beschwörung: "Verweile doch, Du bist so schön" – um mit Goethes Faust zu sprechen – hilft da nicht weiter, sondern nur, die CD noch einmal und noch einmal zu hören. Und das lohnt sich!

CD-Tipp vom 12.9.2017 aus der Sendung "SWR2 Cluster"

Im Programm

Jean Sibelius, Kalevi Aho:
Scherzo für Violine, Violoncello und Klavier zu 4 Händen e-Moll
Jaakko Kuusisto (Violine)
Taneli Turunen (Violoncello)
Peter Lönnquist, Folke Gräsbeck (Klavier)
Antonio Vivaldi:
Konzert für Laute, 2 Violinen und Basso continuo D-Dur RV 93
Rolf Lislevand (Laute)
und Ensemble
Bernhard Henrik Crusell:
Introduktion und Variationen für Klarinette und Orchester über ein schwedisches Lied op. 12
Thea King (Klarinette)
London Symphony Orchestra
Leitung: Alun Francis
Franz Schubert:
Rondo für Klavier zu 4 Händen D-Dur D 608
Maria João Pires, Hüseyin Sermet (Klavier)
Dmitrij Schostakowitsch:
2 Sätze aus der Suite für Jazz-Orchester Nr. 2 op. 27a
Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR
Leitung: Rumon Gamba

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