SWR1 Sonntagmorgen

Zum Tod von Joseph Ratzinger, Benedikt XVI. - Von Hans Michael Ehl

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Hans Michael Ehl

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In die Papstgeschichte wird er eingehen, Benedikt XVI. Vor allem durch den Mut, von seinem Amt zurückzutreten. Die Entscheidung hat Maßstäbe gesetzt. Die grundsätzliche Möglichkeit zum Rücktritt vom Papstamt hat Benedikt XVI. wieder greifbar gemacht. Sein Rücktritt hat aber auch deutlich gemacht, dass es für die Gleichzeitigkeit zweier Päpste -eines amtierenden und eines zurückgetretenen- keine tragbaren Regelungen in der römisch-katholischen Kirche gibt. Darin hat er bewusst oder unbewusst seine Kirche zur Klarheit gedrängt. Denn wer Joseph Ratzinger nur von diesem Ende her denkt, tut ihm Unrecht. Er war auch einer der brillanten Theologen unserer Zeit, der theologische „Virtuose Ratzinger“. Wegen dieses theologischen Talents und der ungeteilten Loyalität zur Kirche holte sein Vorgänger Johannes Paul II. ihn nach Rom und machte ihn zum Chef der damaligen Kongregation für die Glaubenslehre, der zentralen Instanz für die Glaubens- und Sittenfragen in der katholischen Kirche. Und auch hier agierte Ratzinger mit uneingeschränkter Klarheit. Für ihn stand die Einheit der theologischen Lehre und ihre Verankerung in der Tradition im Mittelpunkt. Neuerungen und Abweichungen sah er als Auflösungserscheinungen und Anbiederung an die Moderne. So hat er in dieser Zeit mit manchen Dokumenten Engagierten in der Ökumene empfindliche Dämpfer verpasst. Marxistischen Ideen lateinamerikanischer Befreiungstheologen erteilte er ebenso eine Absage wie einer Weitung der katholischen Sexualmoral. „Panzerkardinal“ oder noch schärfer „Rottweiler Gottes“ wurde er wegen seiner Unnachgiebigkeit gegenüber allen Reformbestrebungen genannt. Der absolute Gehorsam gegenüber seinem Vorgänger und die Kongenialität in theologischen und moralischen Fragen machten ihn nach dessen Tod zum idealen Kandidaten für die Nachfolge. Für manche ein Segen, für andere eine Katastrophe. So reichten denn auch die Reaktionen auf seine Wahl vom euphorischen „Wir sind Papst“ der BILD-Zeitung bis hin zur schwarzen Titelseite der taz mit der Schlagzeile „Oh, mein Gott!“. Seine Amtszeit als Papst schillert zwischen einer fast poetischen Enzyklika über die Liebe, „Deus Caritas est“, und Fehltritten wie der Rehabilitierung eines erzkonservativen Bischofs, der öffentlich den Holocaust geleugnet hatte. Joseph Ratzinger stand auch als Papst für Klarheit, eine Klarheit, die die Kirche zusammenhalten will und dafür auch bereit ist, Menschen zu verlieren, Menschen zu diskreditieren, denen Reformen nicht schnell genug vorangehen. Er war sicher alles andere als ein Zeichen des Aufbruchs. Er verkörperte eher die Frage, die ihn selbst umtrieb: wie eine alte Tradition in die Neuzeit gerettet werden kann – um der Menschen willen. Aber genau mit dieser Neuzeit hat Ratzinger zeitlebens gefremdelt. Und deshalb stand er mit beiden Beinen eher im Gestern und schaute nur aus der Ferne auf eine zukünftige Kirche. Deshalb war er vor allem eins: ein Papst des Übergangs.

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Hans Michael Ehl