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INTERVIEW
ONLINEFASSUNG
SWR-Wirtschaftsredakteur Alexander Winkler (Foto: SWR, Oliver Reuther)

Pandemiekonform aber nicht immer fair: In Video-Vorstellungsgespräche haben Bewerber*innen schlechtere Chancen. Doch es gibt ein paar helfende Tricks.

Sie sind unkompliziert, sparen Zeit und Reisekosten, und tragen dazu bei, unnötige Kontakte zu vermeiden: Vorstellungsgespräche per Videokonferenz werden in der Corona-Pandemie immer mehr zum Mittel der Wahl. Laut einer Studie der Universität Ulm schneiden Bewerber*innen bei digitalen Vorstellungsrunden aber deutlich schlechter ab als in persönlichen Gesprächen vor Ort. Gerade Blickkontakt und soziale Präsenz seien entscheidend, um ein Gespür dafür zu entwickeln, wie man sein Gegenüber am besten einnehmen könne, so der Arbeitspsychologe und Studienautor Johannes Basch.

Sina Rosenkranz hat für SWR1 Arbeitsplatz mit ihm gesprochen.

Herr Basch, woran liegt es, dass Menschen, die online befragt werden, schlechter abschneiden?

Wir haben in unserer Studie herausgefunden, dass Bewerber sich in Videokonferenz-Interviews weniger von ihrer Schokoladenseite zeigen können. Das heißt, sie fühlen sich ein bisschen weniger wohl dabei, soziale Taktiken zu verwenden, um sich in einem guten Licht darzustellen. Das bezeichnen wir in der Forschung als Impression Management. Darunter kann man verstehen, dass man sich beim Interview ein bisschen einschmeichelt und sich von seiner besten Seite zeigt. Aber auch, dass man Erfolge betont und vielleicht den einen oder anderen Misserfolg unter den Tisch gekehrt.

Video-Vorstellungsgespräche entweder für alle oder für keinen

Ein ganz wichtiges Thema in ihrer Studie ist der Blickkontakt, der bei Videokonferenzen oft fehlt oder einfach schwerer zu suchen ist. Warum ist dieser Blickkontakt so wichtig?

Wir haben in unserer Studie herausgefunden, dass dieser Blickkontakt eine Ursache für soziale Taktiken ist. Das heißt: Wer Blickkontakt sucht und herstellt, führt quasi schon die erste soziale Taktik durch. Denn er versucht, eine Verbindung zu seinem Gesprächspartner aufzubauen und fühlt sich dann einhergehend auch wohler dabei, weitere soziale Taktiken zu verwenden, sich eben einzuschmeicheln oder Erfolge zu betonen.

Würden Sie demnach jeden Bewerber raten, auf ein persönliches Gespräch zu bestehen?

Wenn ich als Bewerber die Wahl habe, würde ich auf jeden Fall das persönliche Gespräch wählen. Momentan haben wir ja nicht so richtig die Möglichkeit das zu machen. Aber als Bewerber würde ich das auf jeden Fall machen. Beides hat Vorteile. Es ist also nicht verwerflich, nach der Pandemie Videokonferenz-Interviews beizubehalten. Aber dann würde ich das auf jeden Fall für alle Bewerber aus Fairnessgründen konstant halten.

Das eigene Bild kann in Video-Interviews ablenken

Im Moment haben wir oft nicht die Wahl wegen Corona. Worauf sollte man als Bewerber*in achten, wenn man ein digitales Vorstellungsgespräch vorbereitet und dann auch durchführt?

Man kann sich eigentlich darauf vorbereiten, wie man das auf jedes andere Vorstellungsgespräch, dass man persönlich führen würde, auch tut. Ich würde mich angemessen kleiden. Ich würde mich auch so normal verhalten wie möglich. Das heißt auch versuchen, die Kameraeinstellung ein bisschen weiter hinten zu machen, sodass man auch den ganzen Körper sieht, sodass ich auch nonverbale Signale senden kann und Gestik und Mimik einsetzen kann. Dann würde ich aber darüber hinaus noch darauf achten, dass ich einen neutralen Hintergrund habe bei meinem Videokonferenz, sodass keine prekären Bilder im Hintergrund sind oder dass man irgendwie abgelenkt wird, auch als Bewerter.

Und was man auch machen kann, ist: Die Kameraeinstellungen so wählen, dass man quasi beides kann, sowohl Blickkontakt herstellen, indem man in die Kamera schaut, als auch noch das Bild des Gesprächspartners sehen, sodass ich auch auf seine sozialen Hinweisreize mich anpassen kann. Und dann gibt es noch eins, und zwar kann man sein eigenes Bild bei der Videokonferenz ausschalten, weil es zusätzlich ablenkt.

Direkt in die Kamera blicken ist nicht einfach. Wie wichtig ist es, das im Vorfeld zu trainieren, weil es so ungewohnt ist?

Ich glaube, dass es sinnvoll ist, das in gewisser Art und Weise zu trainieren. Aber auch da ist eben die Devise, sich so normal zu verhalten wie möglich. Sodass man eben auch mal wieder den Blickkontakt herstellt und dann aber auch wieder abbricht und so. Aber natürlich muss man das trainieren, wirklich in die Kamera zu schauen, da diese ja im Endeffekt die Augen des Partners sind in dem Zusammenhang.

Video-Vorstellungsgespräche können auch nach Corona Flexibilität erhöhen

Würden Sie sagen, wenn man all diese Dinge beachtet, schneidet man am Ende ähnlich gut ab wie bei einem persönlichen Vorstellungsgespräch?

Das kann ich mir gut vorstellen, dass das der Fall sein wird. Was natürlich auf der Seite des Interviewers passiert, können wir schlecht beeinflussen. Vielleicht lässt er sich ja auch ein bisschen davon beeinträchtigen, dass hier eine technologische Barriere stattfindet und dementsprechend vielleicht auch nicht diese soziale Präsenz verspürt.

Was ist für Unternehmen die Schlussfolgerung aus Ihrer Studie? Sollten Firmen gerade in der Krise bei einer Stellenausschreibung besser alle Vorstellungsgespräche per Video durchführen, um das Verfahren fair zu gestalten?

Genau! Also wenn, dann für alle das gleiche Verfahren aus Fairnessgründen. Sodass Bewerber, die per Videokonferenz interviewt werden, keinen Nachteil dadurch haben. Momentan sind wir durch die Krise schon darauf angewiesen. Aber auch danach kann man sich die Vorteile von Videokonferenz-Interviews auf jeden Fall zunutze machen. Aber dann, wie gesagt, für alle gleich.

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