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"Na, bei dir wird's aber auch langsam Zeit mit Kindern?" Diese Kommentare kennt Buchautorin Anna Schatz gut. Im Gespräch erzählt die 38-Jährige, warum sich der Umgang mit kinderlosen Frauen ändern muss.

Ihren Frust über den unerfüllten Kinderwunsch hat sich Anna Schatz in einem Buch von der Seele geschrieben. Es heißt: "Wenn ich noch eine glückliche Mami sehe, muss ich kotzen". Darin beschreibt sie, wie es ist, ungewollt kinderlos zu leben.

SWR1: Das ist ein sehr persönliches, sehr privates Thema. Warum haben Sie dieses Buch geschrieben?

Anna Schatz: Ich habe das Buch geschrieben, um mit dem Thema ein bisschen besser zurechtzukommen. Für mich ist es einfacher die Dinge zu ordnen, wenn ich sie aufschreibe. Und dann habe ich es geschrieben, weil meiner Ansicht nach einfach nicht die passende Literatur da war. Es gibt ganz viele Ratgeber, die sehr leise sind und die alle so ein bisschen vorsichtig und tröstend sind. Ich wollte einfach mal meinem Ärger ein bisschen Luft machen. Ich glaube, dass es einigen anderen Frauen genauso geht.

"Wenn ich noch eine glückliche Mami sehe, muss ich kotzen“. Das ist ja schon ein sehr provokanter Buchtitel. Was passiert in Ihnen, wenn Sie eine glückliche Mutter sehen?

Ich freue mich natürlich über jede glückliche Mutter, ganz ehrlich. Der Titel ist natürlich laut und provokativ, weil es eben auch die Momente gibt, wo man sagt: "Warum jetzt diese Frau und warum jetzt nicht ich?" Aber das heißt nicht, dass man die Mami nicht mag. Das heißt ja einfach nur, dass man selber gerne in der Situation wäre und unglücklich über die eigene Situation ist.

Jetzt schildern Sie in Ihrem Buch viele unangenehme Äußerungen, die Sie ertragen mussten. Was war so das Schlimmste?

Eine der schlimmsten Äußerungen war: "Du hast keine Kinder, so lebt halt jeder seinen eigenen Egoismus." Ich finde das ist null empathisch, weil niemand weiß, warum jemand keine Kinder hat. Ob das eine bewusste Entscheidung ist oder ob es einfach keine andere Möglichkeit gibt. Ich stelle auch nicht jeden, der Kinder hat in die Ecke, dass er anscheinend mit seinem Leben sonst nichts anfangen kann – das wäre genauso unverschämt.

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Was man vielleicht auch hört ist: "Wann ist es denn endlich soweit" oder "Wann kriegst du denn mal ein Kind?" Wie reagieren Sie darauf?

Früher habe ich immer versucht, diese Momente zu umgehen oder irgendwie weg zu lachen. Mittlerweile sage ich einfach, dass Kinder ein Geschenk sind und so ein Geschenk bekommt eben einfach nicht jeder. Das kann man nicht erwarten.

Haben Sie einen Tipp? Was sollte man als Außenstehender auf keinen Fall zu einer Frau sagen, die einen unerfüllten Kinderwunsch hat und wie kann man Trost spenden? 

Auf gar keinen Fall sollte man solche Sachen sagen wie: "Ist ja bestimmt auch für irgendwas gut" oder "Dir bleibt dadurch auch ganz viel erspart". Es geht nicht darum, dass es für was gut ist und es tröstet nicht. Eine Frau in der Situation braucht einfach jemanden, der sie in ihrer Trauer auch ein bisschen auffängt und sagt: "Das ist wirklich schade". 

"Frauen müssen sich immer rechtfertigen."

Anna Schatz, Autorin

Was stört Sie im gesellschaftlichen Umgang mit kinderlosen Frauen?

Mich stört vor allen Dingen diese Erwartungshaltung. Entweder hat man das alles geschafft mit Haus, Kind, Karriere und Mann oder man ist in so einer Abwarteposition, bis man dann zu alt ist, um noch ein Kind zu bekommen. Ich finde als Frau wird man immer gefragt: "Hast Du Kinder? Ja, Nein?" und wenn eine Frau sagt, sie hat keine, dann ist da immer so ein "Warum?" im Raum. Wenn Männer so etwas gefragt werden, würde nie jemand fragen "Warum denn?". Aber Frauen müssen sich rechtfertigen.

War es schwer für Sie das Buch zu schreiben?

Das Buch zu schreiben nicht unbedingt. Für mich war es eher schwer, die Reaktionen zu bemerken. Ich habe sehr viele positive und natürlich auch negative Rückmeldungen bekommen. Mich hat da einfach die Resonanz ein bisschen überrollt.

Was für negative Reaktionen gab es?

In den sozialen Netzwerken gab es natürlich so Sachen wie: "Die ist ja so hässlich, da würde ich sowieso kein Kind machen". Das sind Leute, die nur den Titel lesen und sich dadurch angegriffen fühlen. Aber die Menschen, die mir wichtig sind, die haben es verstanden und es auch gut aufgenommen.

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