Besucher verfolgen das Spiel bei einem Public Viewing in der Kirche der Katholischen Kirchengemeinde St. Joseph Schalke.

SWR1 Sonntagmorgen

Von Göttern und Gesängen: Wieviel Religion steckt im Fußball?

Stand
Autor/in
Cüneyt Özadali

Die Fußball-EM läuft auf Hochtouren. Wenn man sich die ganze Kulisse und Rituale anschaut, scheint es zwischen Fußball und Religion grundlegende Parallelen zu geben.

Manche Spieler oder Fans knien sich nieder, die Arme nach oben geführt und zum Himmel ausgestreckt, bitten um Beistand. Andere wiederum singen gemeinsam im Chor. Diese Szenen können sich auch in einer Kirche oder Kathedrale abspielen. Es fallen noch mehr Gemeinsamkeiten auf. Meistens finden die Gottesdienste wie auch Fußballspiele an den Wochenenden statt. Menschen treffen sich in eigens dafür erbauten Gebäuden: in Kirchen und Stadien. Außerdem spielen bei einem Gottesdienst oder einem Fußballspiel Rituale eine wichtige Rolle.

Angemessenes Outfit

Ob man zur Kirche geht oder zu einem Fußballspiel - angemessene Kleidung ist bei beiden gefragt. Früher gab es die sogenannte Sonntagskleidung für den Gottesdienst. Heute gibt es zwar keine extra Kleidung dafür, aber man macht sich besonders zurecht.  Wer zu einem Spiel ins Fußballstadion geht, zieht sich auch entsprechend an. Da wird das Vereinstrikot getragen, der Vereinsschal darf auch nicht fehlen, die Mütze mit dem Vereinslogo gehört dazu.

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Singen im Chor

In einem Gottesdienst werden gemeinsam mit den Besucherinnen und Besuchern Lieder vorgetragen. Das können Freuden -oder Klagelieder sein, sagt Ulrich Pick von der SWR - Abteilung Religion und Welt.  Bei einem Fußballspiel haben auch die Fans spezielle Gesänge. Das kann die Vereinshymne sein, aber auch Lieder für unterschiedliche Seelenlagen. Je nach Sieg oder Niederlage, kann man die eigene Mannschaft anfeuern, ermutigen oder sie aufbauen.

Wechselgesänge und Wechselrufe

In der Kirche nennt man die Wechselgesänge "Antiphone". "Da singt oder spricht der Priester eine Zeile und die Gottesdienstbesucher antworten darauf mit einer anderen Zeile, beispielsweise beim Sprechen oder Singen von Psalmen", erklärt Ulrich Pick. Ähnliches erlebt man im Fußballstadion, wenn ein Tor gefallen ist. Es entsteht ein Wechselruf zwischen dem Stadionsprecher und den Fans. Ein Beispiel: Der Stadionsprecher ruft: "Spielstand Deutschland?" Das Publikum ruft zurück: "Zwei". Sprecher ruft: "Ungarn". Das Publikum ruft zurück: "Null". Der Sprecher ruft: "Torschütze Ilkay". Das Publikum ruft zurück: "Gündoğan". Ähnliches Ritual wie in einer Kirche im Umgang mit den Wechselgesängen.   

Fans von Deutschland vor dem Spiel auf der Tribüne
Fans von Deutschland vor dem Spiel auf der Tribüne

Der Weg zum Stadion als Prozession

Ob im Dorf oder in der Stadt - wer auf den Fußballplatz oder in ein Fußballstadion geht, nimmt gerne die Vereinsfahne oder Standarte mit. Sie werden feierlich zum Spielort getragen. "Das ist eine Prozession, die intensiv zelebriert wird. Sie erinnert im Weitesten an eine katholische Fronleichnamsprozession, auf der auch Wimpel, Fahnen und Standarten getragen und mitgeschleppt werden und auch Bewohner an der Wegstrecke Fahnen aufhängen", erklärt Ulrich Pick.

Heiligenverehrung und Reliquien

Wer hat denn nicht als Fußballfan die Poster seiner Mannschaft zu Hause hängen oder ein Trikot mit den Autogrammen seiner Idole. Dann gibt es die besonderen Momente für die Fans: Wenn Spieler nach einem gewonnenen Turnier ihr Trikot oder ihre Fußballschuhe ins Publikum werfen, dann werden diese Gegenstände von Fans, die sie dann aufschnappen, mit einer Hingabe gepflegt. Sie bekommen einen besonderen Platz in der Wohnung. "Das erinnert wiederum an eine Reliquienverehrung in der Kirche. Diese Gegenstände werden, ähnlich wie in einer Kirche, nur zu besonderen Anlässen herausgeholt und gezeigt", sagt Ulrich Pick.

EM, Deutschland - Ungarn, Antonio Rüdiger nach dem Schlusspfiff.
Antonio Rüdiger nach dem Schlusspfiff

Glaube an "Fußballgott"

Der Fußball kann auch eine Art Heilsbotschaft sein. "Wenn die eigene Mannschaft ein Spiel gewinnt, könnte dieser Erfolg zumindest vorübergehend ein Labsal für die Seele der Fans sein", sagt Ulrich Pick von der SWR Abteilung Religion und Welt. So betrachtet, kann hier auch von einem geistig-spirituellen Überbau gesprochen werden.

Moderatorin Silke Arning

Moderatorin am Sonntagmorgen Silke Arning

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