Kreuz auf einem Wörterbuch mit dem Wort Missbrauch (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)

SWR1 Interview mit Psychotherapeut Wunibald Müller

"Das Pflichtzölibat sollte auf alle Fälle abgeschafft werden"

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Für die katholische Kirche ist der sexuelle Missbrauch durch Priester und der Umgang damit ein großes Thema.

Wunibald Müller ist Autor, katholischer Theologe und Psychotherapeut. In der Abtei Münsterschwarzach hat er jahrelang Priester therapiert wegen psychischer und psychosexueller Probleme.

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SWR1: Wie haben Sie als Psychotherapeut die Täter aus dem Kreis der Priester erlebt? War ihnen bewusst, was sie ihren Opfern antaten?  

Wunibald Müller: Unterschiedlich. Ich bin Tätern begegnet, die total uneinsichtig waren und ihr Verhalten beschönigten, bis dahin, dass sie sagten, sie haben im Grunde genommen den Jugendlichen in die Sexualität eingeführt. Bei ihnen habe ich auch keinen Ansatz gesehen, dass sie etwas zur Veränderung beitragen wollten, geschweige denn, dass sie ihre Taten eingesehen haben - auch wie schlimm sie sind. Im Unterschied zu anderen Priestern, denen zumindest mit der Zeit klar geworden ist, was sie getan haben und dass es nicht nur ein Verbrechen war, sondern auch etwas, womit sie den Opfern einen großen, seelischen Schaden zugefügt haben. Das ist allerdings oft erst nach längerer geistiger oder psychotherapeutischer Begleitung geschehen.

SWR1: Was hilft den Opfern so eine Tat zu verwinden?

Müller: Zunächst ist es so, dass sich viele Opfer schwer getan haben zu berichten, dass sie von einem Priester sexuell missbraucht worden sind. Das hat zunächst mit dem eigenen Scham zu tun. Viele Opfer haben zunächst das Gefühl, ich bin auch daran schuld, dass ich mich darauf eingelassen habe. Oft hat es ihnen auch das Umfeld sehr schwer gemacht. Mit ihrem Verhalten und Aussagen, wie beispielsweise "Wie kannst Du so etwas behaupten", haben es selbst die Eltern oder Menschen aus dem nächsten Umfeld den Opfern sehr schwer gemacht, darüber zu sprechen.

Für jemanden, der sexuell missbraucht worden ist, ist es ganz wichtig mit jemand anderem reden zu können - und dass man ihm glaubt. Schließlich ist es wichtig, dass mit der Zeit all die Gefühle, die ein Missbrauch beim Opfer auslöst – wie Trauer, Depression bis zur Wut - zugelassen werden. Dann ist es oft wichtig, dass die betroffenen Personen therapeutische oder spirituelle Begleitung erhalten. Ganz weit hinten kann es für die Opfer auch wichtig sein, dass sie dem Täter verzeihen können, in dem Sinne, dass sie dem Täter keine Macht mehr über sich geben.

SWR1: Aber ist für das Opfer auch nicht eminent wichtig, dass ein Täter tatsächlich zur Rechenschaft gezogen wird?

Müller: Unbedingt! Das ist die andere Seite, dass der Betreffende auch für das, was er getan hat, bestraft wird. Damit wird deutlich gemacht - was ganz wichtig ist für ein Opfer: Er ist schuld.

SWR1: Warum ist die katholische Kirche ganz offenbar nicht in der Lage, die Praxis des Vertuschens und Verharmlosens abzustellen? 

Müller: Die Kirche tut sich nach wie vor sehr schwer von diesem Denken weg zu kommen, dass das Ansehen wichtiger ist als das Opfer. Nach meinen Erfahrungen hat sie an dieser Stelle aber dazugelernt.

SWR1: Ein paar Fortschritte sind erkennbar, aber längst nicht genug...

Müller: Ja, unbedingt.

SWR1: Immer wieder kommt die Diskussion über den Zölibat hoch als Mitursache der Missbrauchsfälle. Sehen Sie mit Ihrer therapeutischen Erfahrung diesen Zusammenhang?

Müller: Einen direkten Zusammenhang gibt es meiner Meinung nach nicht, dass der Zölibat die Ursache für einen sexuellen Missbrauch ist. Was der Zölibat dazu beitragen kann, ist ein Missverständnis von Zölibat. Zum Beispiel das es Priester gibt, die sich - aufgrund ihres zölibatären Lebens - auch nicht mit ihrer Sexualität auseinandersetzen müssen. Und dass das Zölibat unreife Priester anzieht, diesen Beruf und Lebensstil zu wählen. Oder dass es eine falsche Vorstellung von Zölibat gibt, dass diese Männer hinsichtlich ihrer sexuellen Entwicklung, auf einer bestimmten Stufe stehen bleiben. Meiner Meinung ist es so, dass jemand, der zölibatär leben muss, sich noch mehr mit seiner Sexualität auseinandersetzen muss, um mit einer angemessenen und verantwortlichen Weise damit umgehen zu können.

SWR1: Höre ich da bei Ihnen heraus, den Zölibat abzuschaffen und Priester erlauben in einer Beziehung leben zu dürfen?

Müller: Eindeutig. Das zölibatäre Leben mag für den ein oder anderen Mann durchaus eine Lebensform sein, wenn er sich dazu entscheidet und dazu die Eigenschaften hat. Aber das Pflichtzölibat sollte auf alle Fälle abgeschafft werden, weil es doch viele dazu veranlasst, das Zölibat in Kauf nehmen, aber das nicht "verdaut" haben und ein Leben lang damit kämpfen.

Das Interview führte SWR1 Moderator Hanns Lohmann.

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