Wiederaufbau im Ahrtal

"Wer in der Aue wohnt, muss die Gefahr kennen, in der er lebt"

STAND

Nach der Zerstörung, kommt der Wiederaufbau - aber kann man im Ahrtal überhaupt alles wieder aufbauen?

Allein 34 Häuser können nicht mehr dort hingebaut werden, wo sie vorher gestanden haben, so Ministerpräsidentin Malu Dreyer. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Häuser beim nächsten Hochwasser wieder zerstört werden, wäre zu groß.

Audio herunterladen (3 MB | MP3)

Dr. Thomas Roggenkamp hat sich intensiv mit der geologischen Beschaffenheiten und historischen Hochwasser im Ahrtal beschäftigt und unsere Fragen beantwortet.  
 
SWR1: Wenn man alle Emotionen weglässt und die Situation rein wissenschaftlich betrachtet - sollten besser viel mehr Häuser nicht wieder aufgebaut werden? 

Dr. Thomas Roggenkamp: Ja, es ist immer eine nicht optimale Idee, in der Aue zu bauen. Denn das ist das natürliche Überschwemmungsgebiet eines Flusses. Nun haben wir jetzt ein Hochwasser gehabt, das extreme Ausmaße hatte, aber nicht einmalig war. Wir kennen das auch aus der Historie im Ahrtal, dass dort vergleichbare Hochwasser stattgefunden haben. Das heißt, wir sind einfach hier in einem natürlichen Schwankungsbereich dieses Flusses und man sollte dem Fluss diesen Raum auch geben.

SWR1: Wenn Sie sagen, dem Fluss mehr Raum geben - meinen Sie damit ein paar Häuser weniger am Ufer oder reden wir von ganzen Ortschaften, die der Ahr im Weg sind?

Roggenkamp: Das Problem ist, dass das Tal inzwischen sehr dicht bebaut ist. Und diese dichte Bebauung wirkt sich wiederum auf das Hochwasser aus. Wir haben an ganz vielen Stellen gesehen, dass das Wasser regelrecht aufgestaut wurde. Zum einen an den Brücken entlang der Ahr. Dort haben sich Materialien - wie Pkws oder Baumstämme - verfangen und einen Staudamm gebildet. Das heißt, der Wasserstand steigt dort noch mal überproportional an. Insofern ist es mit wenigen Häusern da nicht getan. Man müsste wirklich massiv dem Fluss mehr Platz einräumen.

Zerstörte Häuser im Ahrtal (Foto: SWR, SWR)
Zerstörte Häuser im Ahrtal SWR

SWR1: Das heißt ganze Ortschaften müssten weg?

Roggenkamp: Ich würde jetzt nicht dafür plädieren, ganze Ortschaften rückzubauen. Das ist auch einfach nicht realistisch. Es spielen nicht nur unsere Aspekte als Hochwasser-Forscher eine Rolle, sondern natürlich auch ganz viele andere Aspekte. Insofern kann ich auch die Abwägung vom Land Rheinland-Pfalz, die jetzt getroffen wurde, ein Stück weit nachvollziehen. Obwohl ich als Hochwasser-Forscher teilweise ein bisschen ratlos geblieben bin, als ich mir die Karten angeschaut habe.

SWR1: ...und dabei geht es um Menschenleben, das Hab und Gut und um Existenzen....

Roggenkamp: Die Karten sind deswegen so schnell rausgegeben worden, damit man den Menschen an der Ahr eine Planungssicherheit geben kann. Ich habe mit einigen Betroffenen gesprochen und sie waren sehr erleichtert, endlich diese Karten zu bekommen und zu erfahren, ob sie dort wieder bauen dürfen oder nicht.

SWR1: Die Menschen dürfen wieder bauen, aber sie bauen gefährlich?

Roggenkamp: Ja, ganz genau. Das ist jetzt ein Risiko, dass sich jeder bewusst machen muss. Nicht nur an der Ahr, sondern auch in anderen Gebieten. Wer in der Aue wohnt, muss die Gefahr kennen, in der er lebt. Selbst wenn wir von einer Wiederkehr-Wahrscheinlichkeit von allen 200 Jahren ausgehen, bedeutet das nichts anderes, als dass man jedes Jahr eine Wahrscheinlichkeit von 0,5 Prozent hat, dass ein solches Hochwasser wieder eintritt. Das ist einfach das Risiko, dass jeder kennen und auch im Extremfall damit umgehen muss.

Das Interview führte SWR1 Moderator Michael Lueg.

Bad Neuenahr-Ahrweiler

Wiederaufbau nach der Flut Das bedeuten die neuen Überschwemmungsgebiete für das Ahrtal

Das Land hat neue Hochwasserzonen entlang der Ahr ausgewiesen. Sie zeigen, wo neu- beziehungsweise wieder aufgebaut werden darf und wo nicht.  mehr...

Am Nachmittag SWR4 Rheinland-Pfalz

Grafschaft Ringen

Zweite Zukunftskonferenz nach Flutkatastrophe Die meisten Häuser im Ahrtal dürfen wieder aufgebaut werden

34 zerstörte oder beschädigte Häuser dürfen im Ahrtal nicht mehr an Ort und Stelle aufgebaut werden. Das Land hat am Donnerstag in Grafschaft-Ringen die Pläne für den Wiederaufbau des Ahrtals vorgestellt.  mehr...

Grafschaft Ringen

Nach der Hochwasserkatastrophe Bürgerversammlungen zu Wiederaufbau im Ahrtal haben begonnen

34 zerstörte oder beschädigte Häuser dürfen im Ahrtal nicht mehr an Ort und Stelle aufgebaut werden. In Bürgerversammlungen werden seit Montag Karten vorgestellt.  mehr...

Rheinland-Pfalz

15 Milliarden Euro für Flutopfer in RLP Tausende Anträge für Wiederaufbauhilfe eingegangen

Flutopfer in Rheinland-Pfalz sollen einfach an Geld für den Wiederaufbau kommen. Seit Montag, dem 27. September können die Anträge gestellt werden. Rund 5.000 sind bislang eingegangen.  mehr...

Rheinland-Pfalz

Wiederaufbau im Ahrtal Nach der Flut: Wissenswertes und Hilfsangebote für Anwohner

Nach der Flutkatastrophe in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli ist der Wiederaufbau der Infrastruktur in vollem Gange. Die Herausforderungen und Aufgaben sind dabei vielfältig.  mehr...

Bad Neuenahr-Ahrweiler

15 Milliarden Euro Hilfe nach Flutkatastrophe FAQ: Was Betroffene in RLP zur Aufbauhilfe wissen müssen

Die Opfer der Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz können Geld für Schäden und den Wiederaufbau beantragen. Was Betroffene dazu wissen müssen, gibt es in unserem FAQ.  mehr...

STAND
AUTOR/IN
SWR