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Im Supermarkt und in Bus und Bahn müssen die Menschen ab sofort einen Gesichtsschutz tragen. Wie das unser Zusammenleben beeinflussen kann, erklärt Mimikforscher Dirk Eilert.

SWR1: Das Lächeln fällt weg – also zumindest sieht man es nicht mehr. Was macht das mit uns?  

Dirk Eilert: Das kann eine ganze Menge machen, weil die Mimik die Bühne unserer Emotionen ist. Wir haben aus der Steinzeit noch den Automatismus im Kopf, dass wir ständig die Umgebung scannen, ob irgendwo Gefahr besteht. Die erste Frage, die wir im Kopf haben und unser Gehirn in 100 Millisekunden beantwortet, wenn wir andere Menschen sehen, ist: Freund oder Feind? Da ist das Lächeln besonders wichtig, damit wir sehen, dass der andere nichts Böses vor hat.

Dirk Eilert ist Mimikforscher. (Foto: Fotograf:Hans Scherhaufer)
Mimikforscher Dirk Eilert erklärt, dass Emotionen auch durch die Augenbrauen angezeigt werden. Fotograf:Hans Scherhaufer

SWR1: In der Regel müssen wir nicht davon ausgehen, dass jeder Mensch ein potentieller Feind ist und uns angreift. Beeinflusst uns Mimik im Alltag wirklich so stark?

Eilert: Sie haben völlig recht, heute passiert das nicht mehr. Unser Hirn tickt aber noch ähnlich wie in der Steinzeit – das ist das Problem. Wir sind eigentlich nonverbale Wesen. Die Sprache ist erst 40.000 Jahre alt und wir werden noch sehr stark durch diese alten Mechanismen gesteuert.

Als soziale Wesen sind wir auf Rückkopplung angewiesen. Denken Sie mal an die kleinen Alltagssituationen, etwa an der Kasse beim Einkaufen, wenn Sie vom Kassierer kurz angelächelt werden.

Die gute Nachricht an dieser Stelle ist allerdings, dass die entscheidenden Signale, um jemand anders gut zu lesen – wenn man das Lächeln außen vor lässt – von den Augenbrauen kommen. Diese Signale zeigen sehr zuverlässig an, wie sich jemand fühlt. Wir ziehen die Augenbrauen zusammen, wenn wir uns ärgern. Die Augenbraueninnenseiten heben sich zum Beispiel, wenn wir traurig sind – und das kulturübergreifend.

SWR1: Das heißt: Eine Maske ist für die Kommunikation immerhin noch besser als eine Sonnenbrille, die die Augen verbirgt?

Eilert: Exakt, die Sonnenbrille im Sommer ist viel schlimmer. Ganz fatal wird es aber bei dem Wetter gerade mit Maske und Sonnenbrille – dann sieht man wirklich gar nichts mehr.

SWR1: Wenn jemand eine Maske trägt, benimmt er sich auch anders als ohne?

Eilert: Eine Maske kann uns auch entspannen. Das nonverbale Verhalten wird durch sie vielleicht ein bisschen freier.

Es gibt in der Forschung den Begriff der emotionalen Dissonanz. Das ist der Zustand, wenn wir nach außen etwas anderes zeigen, als wir fühlen. Wir lächeln, obwohl wir uns zum Beispiel ärgern. Dieser Zustand kann sehr belastend sein. Nach aktueller Forschung kann sie einen stärkeren Einfluss darauf haben, ob jemand an Burnout erkrankt, als Zeitdruck oder eine hohe Arbeitsbelastung.

Cover: Dirk W. Eilert - Körpersprache entschlüsseln & verstehen (Foto: Junfermann Verlag, Paderborn)
Das Buch "Körpersprache entschlüsseln & verstehen" von Dirk W. Eilert ist im Junfermann Verlag, Paderborn unter ISBN 978-3-95571-767-4 ernschienen und kostet 68 Euro. Junfermann Verlag, Paderborn

SWR1: Nehmen wir mal an, ich sitze ab heute mit Maske in der Straßenbahn. In der Nähe ist der Kollege, mit dem ich morgens auch ganz gerne einen Witz austausche. Funktioniert so was auch mit Maske?

Eilert: Das würde auch mit einer Maske funktionieren, wenn wir über den Witz wirklich lachen. Denn wenn wir uns wirklich freuen und lachen, dann lacht nicht nur der Mund, sondern auch die Augen. Dafür ist der äußere Augenringmuskel verantwortlich. Der springt aber nur an, wenn wir wirklich Freude spüren und dann lachen die Augen mit.

SWR1: Werden wir nach der Pandemie besser darin sein, Emotionen zu deuten?

Eilert: Das ist meine große Hoffnung. Studien zeigen, dass sich die Emotionserkennungsraten, also die Fähigkeit nonverbale Signale zu lesen, verschlechtert. Dadurch, dass wir in Zeiten der Digitalisierung in einem Gespräch meistens mehr auf das Smartphone gucken, als in das Gesicht des Gegenübers.

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