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Immer mehr Paare entscheiden sich für eine künstliche Befruchtung. Im Interview erklärt die Autorin und Sozialpädagogin Iris Enchelmaier, warum das nach wie vor ein Tabu-Thema ist.

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SWR1: Unfruchtbarkeit, künstliche Befruchtung, Kinderlosigkeit – das sind Themen, die immer noch total tabu sind. Von vielen Menschen in unserem Umfeld wissen wir gar nicht, dass sie sowas durchmachen. Wie kommt das?

Iris Enchelmaier: Das ist ein sehr persönliches Thema. Es ist sehr intim, hat mit Sexualität und Fortpflanzung zu tun. Dann ist es oft so, dass Menschen, die einen unerfüllten Kinderwunsch haben oder unfruchtbar sind, sich dafür schämen. Das höre ich immer wieder in meinen Beratungen. Ich denke auch, dass das soziale Umfeld spürt, dass es ein sensibles Thema ist. Da entsteht dann auch eine große Unsicherheit und das Thema wird gemieden. 

Dabei sind ja Tausende von Paaren betroffen. Wie erleben diese Menschen die Diagnose Unfruchtbarkeit?

Das ist immer ein großer Schock. Kaum, eine Frau oder ein Mann macht sich zu Beginn des Kinderwunsches Gedanken darüber, was sein könnte, wenn es nicht funktioniert. Wenn man dann nach einem Jahr keinen Erfolg gehabt hat, dann gibt es ja immer noch die Fertilitätsmedizin. Diese bietet inzwischen unendlich viele Möglichkeiten und weckt auch große Hoffnungen. Wenn diese ausgeschöpft sind und ein Paar sich damit auseinandersetzen muss, sich auf ein Leben ohne Kind einzustellen - das ist ein großer Schock.

Entscheiden sich viele Paare für eine künstliche Befruchtung?

Ich denke mal, das wird inzwischen schon knapp die Hälfte sein.

Es bleibt dann auch nicht bei einem Versuch. Die Erfolgsaussichten pro Versuch liegen bei etwa 15 Prozent. Wie belastend sind diese Jahre?

Die sind sehr belastend, weil das vor allem Frauen sehr viel abverlangt. Sie müssen Hormone nehmen. Sie müssen regelmäßig zum Arzt, dann gibt es die Punktionen und dann der Transfer, der zum Teil unter Narkose durchgeführt werden muss. Die psychische Verfassung ist natürlich auch sehr schwierig, weil die Paare zwischen Hoffnung und Enttäuschung leben.

Wie sehen die Belastungen in dieser Zeit konkret aus, wenn man verzweifelt versucht, sich seinen Kinderwunsch zu erfüllen?

Diese Paare leben zwischen zwei Welten. Sie müssen sich mit einem Leben mit Kindern auseinandersetzen. Aber es kann auch sein, dass es ein Leben ohne Kinder gibt. Es ist auch sehr schwierig, wenn es eine eindeutige Diagnoseträgerin oder -träger gibt. Ich nehme jetzt einfach mal den Mann als Beispiel, der über keine Spermien verfügt. An seiner Partnerin wird dann gewissermaßen sein medizinisches Problem therapiert. Manchmal haben die Behandlungen auch Nebenwirkungen für die Frau.

"Es gibt da jede Menge Konfliktpotenzial."

Iris Enchelmaier

Dieses Auf und Ab ist eine psychische Belastung. Frauen sind ja auch viel emotionaler. Je länger die Behandlungen dann dauern, desto mehr sind sie angespannt und belastet. Auch die Beziehungen leiden darunter. Dann kann es auch sein, dass der Mann dann sagt: "Dann lassen wir das, wir können auch ohne Kinder glücklich werden." Das wiederum kann von der Frau falsch verstanden werden. Es gibt da jede Menge Konfliktpotenzial.

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Wenn man keine Kinder bekommen kann, wäre es dann auch eine Alternative zu sagen, ich adoptiere jetzt ein Kind?

Natürlich! Wenn man wirklich den Wunsch hat, mit einem Kind zusammenzuleben und das Leben mit einem Kind zu teilen, dann kann man natürlich auch ein Kind adoptieren oder ein Pflegekind aufnehmen. Das thematisiere ich auch immer in meinen Beratungen, wenn es darum geht, den neuen Lebensplan zu entwickeln.

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