Impfung (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Amaury Cornu)

SWR1 Interview mit Virologe Dr. Martin Stürmer

Wie sinnvoll ist die vierte Impfung?

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Der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, empfiehlt die vierte Impfung für Menschen ab 60 Jahren. Damit stellt er sich hinter die EU-Empfehlung. Wir haben den Virologen Dr. Martin Stürmer nach seiner Meinung gefragt.

Dr. Martin Stürmer: Ich bin von Anfang an der Meinung gewesen, dass diese vorgeschlagene Grenze von 70 Jahren etwas zu hoch gegriffen ist. Wir alle wissen, dass das Risiko für schwere Verläufe mit dem Lebensalter steigt, unabhängig von Grunderkrankungen. Ich habe damals schon gedacht, die 60-Jährigen hätte ich auch gerne mit dabei. Insofern finde ich diese Empfehlung sehr gut und werde sie auch definitiv unterstützen.

SWR1: Da sich das Virus immer wieder verändert, kann es doch eigentlich keinen wirklichen Schutz vor einer Erkrankung geben?

Stürmer: Wir haben bis dato, obwohl sich das Virus schon sehr stark verändert hat, mit den alten Impfstoffen immer noch eine sehr hohe Chance schwere Verläufe zu vermeiden. Und darum geht es primär. Wenn wir Ansteckungen signifikant reduzieren wollen, müssen wir immer dem Virus hinterherhecheln und die Impfstoffe an die Varianten optimieren, um dieses zweite Ziel möglichst gut zu erreichen. Aber die Grundsatz-Funktion zum Schutz vor schwerer Erkrankung, haben die Impfstoffe nach wie vor gegen alle bisherigen Varianten.

SWR1: Es gibt auch Menschen, die gar nicht wissen, ob sie infiziert waren. Ist es dann sinnvoll, vor einer Impfung seinen Antikörperstatus bestimmen zu lassen?

Stürmer: Natürlich wäre es ein Hilfsmittel nach bestimmten Antikörpermustern zu schauen. Das unterscheidet sich bei jemandem, der geimpft ist von jemandem, der tatsächlich die komplette Infektion durchgemacht hat. Da sind die Antikörpermuster unterschiedlich und das kann man in einem Labor im Prinzip nachweisen. Ich würde aber ganz pragmatisch jedem ein Impfangebot machen, unabhängig davon, ob man schon eine Infektion durchgemacht hat. Wenn man jetzt impft, wäre es gut, dass eine Infektion nicht gerade in den letzten Wochen vorher gewesen ist. Dann würde man sich möglicherweise zu viel des Guten antun. Aber wenn man weiß, ich habe die letzten drei Monate höchstwahrscheinlich nichts gehabt, spricht nichts gegen eine Impfung.

Antikörpertest (Foto: dpa Bildfunk, Marijan Murat)
Antikörper-Test Marijan Murat

SWR1: Wie funktioniert eine Antikörper-Bestimmung und was kostet sie?

Stürmer: Wenn man eine reine Impfung hat, hat man ausschließlich Antikörper gegen das Oberflächenprotein, also das sogenannte "Spike-Protein". Wenn ich die Infektion durchgemacht habe, habe ich zusätzlich noch Antikörper gegen andere Virusproteine, die in einem Impfstoff nicht enthalten sind, aber die das ursprüngliche Virus mitbringt. Dementsprechend kann man im Labor auch noch nach anderen Antikörpern suchen, die nicht gegen das Spike-Protein gerichtet sind. Damit habe ich letztendlich den Nachweis, dass jemand auch Kontakt mit dem Virus an sich gehabt haben muss. Problem ist, dass diese Antikörper über die Zeit verschwinden können. Wenn die Infektion sehr lange zurückliegt und ich sich auch in anderen Regionen nichts findet, kann das natürlich durchaus sein, dass die Person trotzdem von der langen Zeit die Infektion gehabt hat, aber nach mehrfacher Impfung diese Antikörper gar nicht mehr nachweisbar sind. Das ist immer so ein bisschen das Risiko. 

Zu den Kosten: Es gibt keine Erstattung von den gesetzlichen Krankenkassen. Und da liegen die Preise vermutlich um die die 20 Euro.

SWR1: Schauen Sie bei den Infektionszahlen auch mit Sorge auf den Herbst?

Stürmer: Ich mache mir mal aktuell Gedanken um den Sommer. Wir haben eine Sommerwelle, die sehr stark ist und nicht vergleichbar ist mit dem, was wir die letzten zwei Jahre gesehen haben. Wir haben im Frühling im Prinzip fast alle Maßnahmen abgeschafft, sodass wir der Sommerwelle Tür und Tor geöffnet haben. Jetzt gibt es zwei Optionen: Die Sommerwelle sorgt dafür, dass sich viele Menschen anstecken. Wenn im Herbst die gleiche Variante wiederkommt, haben wir recht viele Menschen, die geschützt sind. Das wäre erst einmal ein positiv zu bewerten. Aber da man gar nicht weiß, welche Variante im Herbst wieder kommt, haben wir das Risiko, dass die Intensivstation jetzt schon wieder an ihre Limits kommen - weniger durch Corona-Patienten, sondern durch das Personal, das durch Infektionen ausfällt. Im Herbst müssen wir abwarten, welche Variante kommt. Wenn es eine andere Variante ist, haben wir mehr oder weniger durch die Sommerwelle gar nichts gewonnen.

Das Interview führte Frank Jenschar.

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