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Adrian Beric (Foto: SWR, SWR1)

The Who gelten Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre nicht nur als eine der lautesten Bands der Welt – sie gelten auch als eine der besten Live-Bands der Welt. Höhepunkte sind Auftritte in Woodstock, auf der Isle of Wight und in Leeds. Das Leeds-Konzert wird bis heute als besondere Kostbarkeit verehrt.

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Woodstock? - "Fucking awful!"

Und nur, um das nochmal kurz einzuordnen: Die Jungs von The Who haben es richtig drauf! In ihrer Sammelwut wissen akribische Fans alles über sämtliche Konzerte, die The Who je in ihrer Karriere gegeben haben. Und diese Fans zählen samt Vorgänger-Band "Detours" von 1962 bis 1970 sage und schreibe etwa 1.300 Auftritte der Gruppe! Das sind Zahlen, die kaum eine andere Band zu diesem Zeitpunkt aufweisen kann (und sie werden auch auf der eigenen Who-Homepage eindrucksvoll aufgelistet – man kommt mit dem Zählen nicht hinterher!).

Seit dem kommerziellen Durchbruch mit dem Song "My Generation" im Jahr 1965 sind die Briten gern gesehene Gäste auf Festivals und Touren. Hotels dagegen fürchten diese Truppe, denn das Zertrümmern von Hotel-Einrichtungen gehört unbedingt dazu. Ebenso das Zertrümmern von Gitarren auf der Bühne. Manches davon wird auch in den Rang des Legenden-Status gehoben.

Denn natürlich ist Woodstock 1969 eine Legende – legendär ist aber auch Townshends Einstellung. Er schmeißt ziemlich genervt einen Aktivisten kurzerhand von der Bühne, als der den Who-Auftritt für ein Statement nutzen will. Und Townshend hat rückblickend nie verschwiegen, dass er Woodstock gehasst hat – und seinen Auftritt mit der Band dort musikalisch nicht unbedingt super fand (wörtlich sagt er "fucking awful!" – frei übersetzt ungefähr "total beschissen!", was selbst kritische Beobachter für übertrieben halten).

Vom Art-Rock zum Hard-Rock

Wesentlich positiver bewertet Townshend den Auftritt von The Who wenige Wochen später beim ähnlich legendären Festival auf der "Isle of Wight" – legendär u.a. deswegen, weil es nur ein Jahr später zum letzten Mal stattfinden wird (nach gerade Mal drei Terminen hintereinander). The Who sind also gut aufgestellt und musikalisch topfit – also glänzend auf einander eingestimmt.

Die Plattenkarriere läuft auch sehr gut. Mittlerweile ist das Konzept-Album "Tommy" auf dem Markt, das für ungeahnte Verkaufserfolge sorgt. Es wird vom Fleck weg zum Kult. Das Konzept der "Rock-Oper" ist hier vollkommen aufgegangen. Aber was soll nach "Tommy" als nächstes in die Plattenläden kommen? Es gibt Gerüchte, die sagen: Um ein bisschen vom Image des "Tommy"-Albums wegzukommen, soll ein Live-Album her – also weg vom "Art-Rock" hin zum dreckigen "Hard-Rock". Das Argument hört man öfter. Allerdings sollte man bedenken: The Who spielen auch 1970 einen Großteil von "Tommy" sehr überzeugend vor Live-Publikum – er kommt so kurz nach dem Studio-Album aber nicht auf das "Live at Leeds"-Album drauf.

Heilloses durcheinander bei den Veröffentlichungen

Beim Leeds-Konzert wird die Truppe insgesamt 33 Titel spielen. Das Album, das dann fast ein Vierteljahrhundert lang als Vinyl heiß und innig geliebt wird, besteht aber nur aus sechs Tracks mit insgesamt gerade mal 35 Minuten Laufzeit (und es ist diese Version, die bei SWR1 in voller Länge laufen wird – ganz einfach, weil ja gerade diese Version so berühmt geworden ist!). Es ist eine Art Valentinstag-Geschenk an die Fans. Denn das Konzert in Leeds wird am 14. Februar 1970 aufgenommen.

Einen Tag später folgt ein Konzert im englischen Hull. Eigentlich sollte das Hull-Konzert auf Platte verewigt werden. Allerdings gibt es technische Probleme: Der Bass von John Entwistle ist immer wieder mal nicht zu hören (Mikrophon? Aufnahmegerät?). Also ein Grund mehr, sich bei der Session des Vortags zu bedienen.

Mehr Stücke in der Version von 1995

Als die CD aufkommt, wird 1995 eine Version veröffentlicht, die deutlich mehr Tracks bieten kann als das Vinyl. Mit 77 Minuten Laufzeit ist sie mehr als doppelt so lang. Auch in den späteren Jahren kommen "Deluxe"- und Special-Editions (sogar samt des Hull-Konzertes!) auf den Markt – bei denen es sich aber um kleine Mogelpackungen handelt. Zwar sind dann sämtliche 33 Titel des Original-Konzertes zu hören – der fehlende Bass wird aber nachträglich eingespielt. Und auch bei den Stimmen gibt es die ein oder andere "Nachbesserung". – Fans wird es nicht stören. Für sie ist und bleibt es ein Meilenstein; eines der besten Live-Alben aller Zeiten – wenn nicht sogar das beste. Wobei das natürlich subjektiv ist. Denn das ist ein Titel, den man zumindest im Rock-Genre gerne auch Deep Purple mit "Made in Japan" zuspricht…

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