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Diana Ross will sich musikalisch neu erfinden. Mit den dafür extra engagierten Kult-Produzenten liegt sie sich aber lange Zeit in den Haaren.

Kein Zweifel: Das Album "Diana" ist Kult. Drei Single-Auskopplungen sind weltweite Hits. Sie werden zu Klassikern. Lieder wie "Upside Down", "My Old Piano" und "I'm Coming Out" sind auch bei SWR1 selbstverständlich bis heute Dauerbrenner. Aber so locker diese Hits daherkommen, so schwierig war ihre Entstehung.

Dauer

Supremes-Vergangenheit kaum zu toppen

Denn Ende der 70er Jahre ist Diana Ross zwar ein Weltstar - aber die Solo-Karriere, die sie schon seit einem Jahrzehnt fleißig betrieben hatte, war nichts im Vergleich zu den unfassbaren Erfolgen, die sie bis 1970 erlebt hatte. Denn jahrelang war Diana Ross Mitglied bei den Surpremes. Einer Band, die in den USA Rekorde aufgestellt hatte in Sachen Nummer-1-Hits.

Die Musik-Geschichte ist vollgestopft mit Evergreens der Supremes: "Where Did Our Love Go", "Baby Love", "Stop! In The Name Of Love", "You Can´t Hurry Love" und "You Keep Me Hanging On" sind nur ein paar ihrer bekanntesten Evergreens. Hits, die eigentlich ausreichen für den Ehrenplatz im Musik-Olymp. Aber Diana Ross ist ehrgeizig genug, um genau diese Erfolge versuchsweise auch solo zu erreichen. Eigentlich ein unmögliches Unterfangen. Und so ist es kein Wunder, dass der Solo-Weg im Anschluss eher gemächlich vor sich hinfließt.

Die Jungs von Chic sollen es richten

Ein Wechsel ist dringend nötig. Und er wird immer deutlicher, als Diana Ross ein Konzert der Disco- und Funk-Band "Chic" besucht. Einige ihrer Kinder schleppen sie dort hin. Sie als Promi darf Backstage zugucken - und ist vollkommen umgehauen vom Publikum, das restlos begeistert ist vom "Chic"-Sound. "So sollte mein neues Album klingen", sagt sie sich und spricht die beiden Köpfe hinter Chic an: Nile Rodgers und Bernard Edwards.

Die beiden sind nicht nur erfahrene Musiker, sondern komponieren und produzieren auch Hits für andere Leute (wie z.B. Sister Sledge). Sie gesteht den beiden, dass ihre Karriere momentan nicht richtig laufe und dass sie es am liebsten hätte, wenn man diese Laufbahn mal so richtig durchschütteln und auf den Kopf stellen würde (also auf englisch "upside down"). Sie wolle wieder Spaß haben (englisch "to have fun again"). Rodgers und Edwards nehmen diese Äußerungen wörtlich. Daraus entstehen die Songs "Upside Down" (Opener der A-Seite) und "Have Fun Again" (Opener der B-Seite). Auch der Titel "I'm Coming Out" ist Ausdruck dieses neuen Lebens- bzw. Karriere-Gefühls.

Ärger, nichts als Ärger

Diana Ross nimmt jeden der Song-Vorschläge an. Alles wird aufgenommen - wie sich das gehört. Aber als die Künstlerin das fertig produzierte Endresultat hört, ist sie nicht angetan. Ganz im Gegenteil. Sie ist entsetzt! Profi, der sie ist, sagt sie dem Produzenten-Duo auch ihre Meinung. Der konkrete Vorwurf: Ihre Stimme sei nicht zu hören. Der Gesang sei viel zu sehr von den Instrumenten überdeckt. Rodgers und Edwards nehmen also kleinere Änderungen vor - und müssen dann am eigenen Leib erfahren, dass Diana Ross einen gewissen Ruf genießt - und zwar den einer Diva.

Denn diese Diva ist auch mit dem zweiten Entwurf nicht zufrieden. Die Produzenten, deren Kompositionen ja hier zu hören sind, sind stinksauer. Ein drittes Mal wollen sie nicht über das Gesamtwerk gehen. Wenn Ross schon wieder eine Änderung wolle, müsse sie das selber machen. Die Sängerin zögert keine Sekunde. Ohne dem Duo Bescheid zu geben, besorgt sie sich bei Motown einen anderen Produzenten - und ein gewisser Russ Terrana gibt dem Album einen völlig neuen Schliff.

Es kommt, wie es kommen muss: Rodgers und Edwards sind noch wütender und geben an einem Punkt sogar öffentlich bekannt, dass sie nicht als die offiziellen Produzenten genannt werden wollen. Der Streit geht bei "I'm Coming Out" sogar noch weiter. Denn Ross ist entsetzt, als sie zum ersten Mal hört, dass der Begriff für Homosexuelle steht, die ihre Orientierung publik machen. Ob die beiden ihre Karriere zerstören wollten, fragt sie. Und damit ist klar: der Haussegen hängt schief.

Am Ende Friede, Freude, Eierkuchen - und 20 Millionen Dollar

Der Ärger hätte gar nicht sein müssen. Am Ende steht dann doch "Produced by…" dort - sogar mit der Ergänzung "…for the Chic Organization" - und das Endergebnis entpuppt sich als Riesen-Erfolg. Man kann also durchaus sagen, dass alle irgendwie Recht hatten: Ross mit dem dritten Re-Mix, und die Komponisten mit ihrem Riecher für Hit-Melodien. 

Aber nach dem ganzen Stress mit Edwards und Rodgers wird die Sängerin nach insgesamt zwei Jahrzehnten ihr Heimat-Label Motown verlassen. Sie unterschreibt einen neuen Vertrag. Und was für einen! Die Medien schlachten es Anfang der 80er Jahre genüsslich aus: Es gibt einen neuen Rekord-Plattenvertrag. RCA garantiert Diana Ross für eine einzige Unterschrift  20 Millionen US-Dollar. Mal abgesehen davon, dass 20 Millionen auch heutzutage unfassbar viel Geld sind: Aber inflationsbereinigt entspricht die damalige Summe auf das Jahr 2020 bezogen 64 Millionen Dollar - also sage und schreibe 59 Millionen Euro.

Als Frau ist die Sängerin damals "ein gemachter Mann". Aber danach wird sie nie wieder eine so dermaßen erfolgreiche LP auf den Markt bringen.

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