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Studie zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche Machtstrukturen verhindern Aufklärung

Heute stellt die katholische Kirche ihre Missbrauchsstudie vor. Vorab wurde bekannt, dass 3.677 Minderjährige sexuell missbraucht wurden. Thomas Schnitzler von einer Opferinitiative aus Trier spricht im Interview über eine große Schweigemauer und eine täterloyale Gerichtsbarkeit.

Ein Priester hält einen Rosenkranz und ein Papier zu den Missbrauchsfällen in der Hand

Laut der Missbrauchsstudie der katholischen Kirche sollen in Deutschland knapp 1.700 Pfarrer in Missbrauchshandlungen verwickelt sein

SWR1: Ist die wahre Opferzahl noch höher?

Thomas Schnitzler: Wir gehen von einer hohen Dunkelziffer aus. Wir wissen, dass in den Gemeinden weiterhin eine große Schweigemauer besteht. Und dass sich die Leute, auch viele Opfer, die wir kennen, nicht trauen an die Öffentlichkeit zu gehen.

SWR1: Die Forscher erheben laut Vorabberichten auch den Vorwurf, dass die Kirche versucht hat, den Missbrauch zu verschweigen. Es sollen auch Akten vernichtet oder gefälscht worden sein. Sie sprechen hier nicht von Einzelfällen, die tragisch und dramatisch genug sind. Sondern für Sie ist das Systemversagen?

Thomas Schnitzler: Ja, das ist Systemversagen, dass die klerikalen Machtstrukturen eigentlich verhindern, dass transparent aufgeklärt wird. Dass also eine täterloyale Gerichtsbarkeit besteht, die im Zweifelsfall die Verdächtigen vor einer Strafe bewahrt.

SWR1: Machen wir es mal konkret: Ist es heute noch möglich, dass ein Geistlicher einer Pfarrei, der im Verdacht steht, sexuellen Missbrauch begangen zu haben, in die nächste Pfarrei versetzt wird oder an einem Gymnasium unterrichtet?

Thomas Schnitzler: Wir wissen, dass es passiert ist. Wir haben im Bistum Trier aktuelle Fälle, wo Täter, die des Missbrauchs beschuldigt sind und ein Gerichtsverfahren hatten, einfach weiterversetzt werden und dass die Pfarrei, die die neuen Seelsorger vorgesetzt bekommt, nichts von deren Vorleben wissen.

SWR1: Was ist ihre Erfahrung? Wie geht Kirche inzwischen mit den Betroffenen um?

Thomas Schnitzler: Bischof Ackermann hat ja 2010 gesagt, die Opfer wollen gehört werden. Und wir haben über acht Jahre eigentlich das Gegenteil erfahren. Unsere Beschwerden wurden nicht gehört.

SWR1: Was sollte die katholische Kirche ihrer Meinung tun, nachdem die Ergebnisse der Studie jetzt vorliegen?

Thomas Schnitzler: Die katholische Kirche sollte in Zukunft nicht weiter mit der Aufarbeitung ihrer eigenen Delikte beauftragt werden. Das sollte einer unabhängigen staatsnahen Organisation überlassen werden. Die Forderungen von außen gehen in die Richtung, dass eine unabhängige Kommission wirklich erforscht, was vorgefallen ist.

SWR1: Wäre das überhaupt machbar?

Thomas Schnitzler: Dass es machbar ist, sehen wir in anderen demokratischen Staaten wie USA oder Australien. Da sind belastbare Ergebnisse erst aufgrund dieser Voraussetzung erzielt worden, dass eine unabhängige Aufarbeitungsorganisation tätig wurde


Thomas Schnitzler von der Opferinitiative MissBiT aus Trier (Missbrauch im Bistum Trier).