Steffis Landleben (Foto: SWR)

ARD-Themenwoche - Stadt.Land.Wandel

SWR1 Blog: Steffis Landleben

STAND

SWR1 Moderatorin Steffi Stronczyk lebt in Longkamp, einem kleinen Ort im Hunsrück. Im Rahmen der ARD-Themenwoche Stadt.Land.Wandel stellt sie uns eine Woche lang ihr Leben in der 1.100 Einwohner Gemeinde vor.

Steffis Fazit

Zum Abschluss der ARD-Themenwoche Stadt.Land.Wandel zieht auch unsere Steffi ihr persönliches Fazit.

Audio herunterladen (2,6 MB | MP3)

Die Spießbratenhütte

Noch so ein wunderschöner Ort in Longkamp: Unsere Grill- und Schutzhütte. Sie steht mitten im Wald. Und ich hatte ehrlich gesagt schon fast vergessen, wie schön es dort ist.

Grillhütte Longkamp (Foto: SWR, S. Stronczyk)
Grillhütte "Dubbisch" bei Longkamp S. Stronczyk

Und vor allem: wie schön unsere "Spießbratenhütte" mittlerweile aussieht. Seit Monaten hat unser Seniorenteam in Longkamp daran gearbeitet. Man kann jetzt geschützt im Inneren der Hütte sitzen (der Bereich war vorher komplett offen), es wurde eine Küche eingebaut und alles richtig schick herausgeputzt.

Und vor allem: alles ehrenamtlich. Das Ehrenamt – auch so etwas Großartiges, was hier in Longkamp stattfindet. Nicht nur bei der Verschönerung unserer Hütte.

++ Freitag, 12. November ++++

Ja, das Leben in Longkamp ist schön! Wir haben hier alles, was wir brauchen. Davon konnten Sie sich in dieser Woche selbst überzeugen. Wenn Ihnen das so gut gefallen hat, dass Sie sagen "Hey - ich will auch in Longkamp wohnen", dann muss ich Sie leider enttäuschen. Etwas zur Miete in Longkamp zu finden, ist fast unmöglich und auch Bauland ist sehr begehrt und dementsprechend knapp.

Es gibt zwar einige freie Flächen, aber die sind in privater Hand. Also die Eigentümer halten das Land für ihre eigenen Kinder und Enkel, damit die dann dort irgendwann mal bauen können. Die Ortsgemeinde ist derzeit dran, neues Bauland zu erschließen. Es soll 22 Bauplätze geben, aber für diese Bauplätze gibt es schon jetzt mehr als 30 Interessenten.

Audio herunterladen (2 MB | MP3)

Richtig gut gelaufen ist es für die Familie Reichert/Conrad. Anne und Markus haben mitten im Ort gebaut. Das Grundstück haben sie zufällig gefunden. Was für ein Glück! Denn für Markus war immer klar:

"Es musste definitiv Longkamp sein! Denn zur Arbeit kann ich fahren, aber zum Freundeskreis, mit denen ich immer zu tun hab, evtl. unter der Woche, am Wochenende da will ich zu Fuß gehen. Weil man ja hin und wieder was zu feiern hat."

Anne hätte sich auch vorstellen können, in der Stadt zu leben, ist aber nicht traurig, dass Markus sie "überredet" hat, in Longkamp zu bleiben: “Ich hab mich sehr wohl gefühlt in der Stadt. Aber der Liebe wegen, haben wir uns entschieden, in Longkamp zu bleiben. Jetzt gerade mit Familie. Mehr Vorteile gibt’s eigentlich gar nicht. Die Omas direkt in der Nähe. Wir haben einen sehr guten Freundeskreis, total viele Leute, die man schon lange kennt, auf die man sich verlassen kann. Ich denke, das ist schon was Besonderes, im gleichen Alter in so einem kleinen Dorf."

Hausbau-Longkamp (Foto: SWR, S. Stronczyk)
Das Haus der Familie Reichert/ Conrad. S. Stronczyk

Da ist wieder das, was mich in dieser Woche an meinem Dorfleben so sehr beeindruck hat: dieses “Heimelige”, die Nähe, das Miteinander, das hier im Dorf so stark ist. Jeder ist für jeden da. Alt werden in Longkamp? Anne kann sich das bildlich vorstellen: "Gerade Longkamp hat ja auch noch viel Infrastruktur. Man merkt jetzt schon, ältere Leute gehören mit dazu. Irgendwie ist man hier ein bisschen von der ganzen Nachbarschaft mitbetreut. Und die Leute freuen sich, wenn sie den Nachwuchs sehen. Vielleicht ist es dann bei uns auch irgendwann so, dass wir als Senioren am Fenster sitzen und jedem Klopfen, der mit dem Kinderwagen vorbeikommt."

++ Donnerstag, 11. November +++

Mal schnell ein paar Brötchen holen, Wurst, Käse, Obst, Gemüse. Oder ein paar Kleinigkeiten, die man noch zum Kochen braucht, ohne aus dem Dorf raus zu müssen. Das ist heutzutage kaum noch möglich. Da haben wir es hier in Longkamp richtig gut. Wir haben nämlich noch so ein seltenes Exemplar eines Dorfladens. Der wird nicht nur im Ort von allen geschätzt.

Audio herunterladen (2,2 MB | MP3)

Für uns ist dieser kleine Laden zum nächstgelegenen Laden geworden, aber er hat das komplette Sortiment für uns. Und ich brauche dann nicht in den Supermarkt. Und dann baue ich eben diese Nähe und diese Beziehung zu denen hier auf.

200 Quadratmeter ist der Laden groß und liegt direkt an der Hauptstraße in Richtung Traben-Trarbach. Drei Generationen arbeiten dort: André Eiserloh, er ist der Chef im Haus, seine Mutter Ingrid die gute Seele des Geschäfts und Andrés Tochter Rebecca. Sie bringt frischen Wind in den Laden und steht auch schon in den Startlöchern, wenn der Papa mal in Rente geht. An Rente will Ingrid – obwohl sie schon 81 Jahre alt ist – überhaupt nicht denken. Sie steht noch fast täglich im Laden, sitzt an der Kasse und hält die Kundschaft bei Laune.

Dofladen Longkamp (Foto: SWR, S. Stronczyk)
Drei Generationen in einem Dorfladen: v.l. Ingrid Eiserloh, André Eiserloh, Rebecca Eiserloh S. Stronczyk

Unser Dorfladen ist aber nicht nur Dorfladen. Er ist auch eine Art "Informationszentrale". Willste wissen, was im Ort los ist, gehst du kurz mal einkaufen. Und auch für die Älteren im Ort ist unser Dorfladen besonders wichtig, sagt André Eiserloh: "Die Leute treffen sich hier, können miteinander sprechen. Das ist ganz wichtig. Viele Leute sind alleine zuhause, haben keine Ehepartner mehr. Hier können sie sich treffen, mit anderen Leuten sprechen, was im Dorf und überhaupt los ist."

Für die Grundnahrungsmittel zu kaufen bin ich sehr froh, dass wir das Geschäft im Dorf haben. Man kann alles fußläufig erledigen. Vor allen Dingen die Wurst- und Brotwaren sind immer frisch. Ich bin sehr zufrieden. Ich würde sie sehr vermissen, wenn wir sie nicht mehr hätten.

Angst, dass unser Dorfladen mal irgendwann nicht mehr existiert habe ich ehrlich gesagt nicht. Denn Rebecca Eiserloh, die Tochter von André, ist ja auch noch da. Ich weiß noch, wie sie schon als kleines Kind immer im Laden rumgesprungen ist. Mittlerweile ist sie 22 Jahre alt und hat richtig Spaß an dem, was sie macht. Das merkt man ihr einfach an, wenn man ihr gegenübersteht.

Raus ausm Dorf? Wäre für Rebecca nix. Ihre Oma aus Bernkastel wollte sie kürzlich "abwerben", um das Geschäft dort zu übernehmen. Aber das kommt für die gelernte Fleischereifachverkäuferin nicht in Frage. Für sie war immer klar, dass sie das Geschäft hier in Longkamp auch irgendwann übernehmen will. Dabei hat sie viele Ideen, wie sie unseren Dorfladen weiterentwickeln will: "Wir wollen mehr in die Zeit gehen, eine Webseite machen, Facebook aufbauen. Wir wollen unsere Wildprodukte, die uns sehr wichtig sind, vermarkten. Das heimische, das Regionale. Wir wollen auf Bio umstellen, das Sortiment erweitern. Ich will, dass mehr Pep reinkommt!"

++ Mittwoch, 10. November ++

Also über Einkaufsmöglichkeiten für den täglichen Bedarf können wir uns in Longkamp wirklich nicht beschweren. Wir haben nicht nur unseren Dorfladen, sondern auch einen Hofladen.

Da kaufen nicht nur wir aus Longkamp ein, sondern es kommen auch Menschen von weiter weg, um dort einzukaufen. Es gibt regionale Produkte, wie Äpfel und Eier, aber auch Fleisch und Wurst aus dem Hunsrück. Das kommt von Rindern, die hier bei uns auf der Weide stehen. Der Hofladen hat bis vor einem Jahr noch Andreas Zimmer gehört.

Kuh (Foto: SWR, S. Stronczyk)
Glückliche Hunsrück-Kuh S. Stronczyk

Andreas war auf der Suche nach einem Nachfolger für seinen Betrieb und den Hofladen. Die Zeit war hier bei uns im Ort ganz schön spannend. Denn egal wo man hinkam, gab es immer wieder diese eine Frage: "Hast du schon was gehört, wer jetzt den Hofladen übernimmt?" Und dann kam der Tag, an dem die Antwort hieß: "Eine Familie aus der Schweiz".

Kuhweide (Foto: SWR, S. Stronczyk)
Familie Balsiger bewirtschaftet rund 220 Hektar Land rund um den Ort Longkamp. S. Stronczyk

Familie Balsiger ist im April 2020 mit Sack und Pack nach Longkamp gekommen. Sie hat nicht nur den Hofladen übernommen, sondern auch Tiere, Maschinen und die rund 220 Hektar Land, die sie jetzt bewirtschaftet.

Und die Balsigers haben noch was mitgebracht: Alpakas. Mirjam Balsiger hatte nämlich in Riggisberg, das liegt in der Nähe von Bern, 20 Jahre lang eine Alpaka-Zucht. Fünf ihrer Lieblinge aus der Appaloosa-Zucht sind mit in den Hunsrück nach Longkamp umgezogen. Und die haben schnell ihren Platz gefunden.

Audio herunterladen (2 MB | MP3)

"Die stehen am liebsten inmitten der Kuhherde”, sagt Mirjam Balsiger. Sie weiß zwar nicht warum, aber die Tiere fänden das interessant. Und so kann es einem passieren, dass man an einer Rinderherde in Longkamp vorbeiläuft und mittendrin stehen ein, zwei, drei – oder halt auch fünf Alpakas.

++ Dienstag, 09. November ++

Ohne Auto geht auf dem Land nix. Ja, das kenne ich noch aus dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin. Was war ich froh, als ich damals meinen Führerschein hatte. Endlich nicht mehr von den Eltern gefahren werden. Das fühlte sich an, wie die ganz große Freiheit. Ich bin sogar anfangs so gerne Auto gefahren, dass ich mir mit 18 einen Nebenjob gesucht habe: bei einem Pizzadienst. Ich war die Fahrerin.

Audio herunterladen (2,6 MB | MP3)

Und heute – viele Jahre später – fahre ich immer noch Auto, jeden Tag mehr als 200 Kilometer. Ich gebe zu: ganz so euphorisch wie mit 18 Jahren bin ich nicht mehr, wenn es ums Autofahren geht. Denn mein Auto ist zu meinem festen Alltagsbegleiter geworden, um von Longkamp nach Mainz zu kommen. Wie sehr beneide ich die Kollegen und Kolleginnen, die sich einfach in den Bus oder Zug setzen können, die zu Fuß oder mit dem Fahrrad zur Arbeit kommen. Wie gerne würde ich mich morgens zum Frühdienst in den Zug setzen, mal ein Buch lesen oder noch ein bisschen vor mich hinschlummern. Stattdessen sitze ich gestresst im Auto, weil schon wieder Stau auf der A61 oder der A60 ist und ich wieder einmal später in Mainz bin als geplant.

Mit Bus und Bahn zu fahren, ist für mich keine Option. Natürlich fahren auch Busse aus Longkamp in die umliegenden Dörfer. Züge fahren auch aus der Region in die großen Städte. Aber von Longkamp aus komplett vom Auto auf Bus und Bahn umzusteigen, um nach Mainz zu kommen, sieht bei mir dann so aus: 7:15h Abfahrt mit dem Bus am Kindergarten in Longkamp. 11:59h Ankunft in Mainz am Hauptbahnhof. Wie soll ich das bloß meinem Chef erklären? Also bei solchen Aussichten fahre ich dann doch lieber weiterhin Auto.

++ Montag, 08. November ++

Herzlich Willkommen in Longkamp! Wir haben hier eigentlich alles, was man zum Leben braucht. Einen Dorfladen mit Bäckerei, Metzgerei und Post, einen Hofladen, einen Friseur, zwei Autowerkstätten und einen Reifenservice. Es gibt eine Arztpraxis, einen Kindergarten und eine Grundschule. Wir haben eine Kirche, aktive Vereine und eine Feuerwehr. Aber auch noch einige mittelständische Betriebe, die hier für den Ort als Arbeitgeber dienen. Und wir haben natürlich viel Natur und tolle Plätze. Zu einem davon nehme ich Sie heute direkt mit. Es ist mein Lieblingsplatz in Longkamp: unser Park. Der Park ist übrigens auch der Lieblingsplatz unseres Bürgermeisters Horst Gorges.

Audio herunterladen (2 MB | MP3)

Unser Park ist in etwa so groß wie zweieinhalb Tennisplätze, idyllisch gelegen zwischen der Hauptstraße, die durchs Dorf in Richtung Bernkastel führt und dem Friedhof. Eine schnelle Hunde-Runde durch den Park, oder einfach mal hinsetzen und nix tun. Aber am allerschönsten ist es, wenn hier ordentlich was los ist. Unser Musikverein spielt hier regelmäßig und auch andere Veranstaltungen finden hier statt.

Das Dorfleben ist sehr aktiv hier und sehr vielfältig. […] Hier wird auch mal gerne gefeiert und jede Möglichkeit genutzt, sich zu treffen.

Ich erinnere mich sehr gerne an ein Parkfest im Sommer zurück. Mannomann, das ist schon Jahre her – aber was war das für eine tolle Party. Leider gibt’s das Parkfest nicht mehr. Aber vielleicht ist es mal wieder an der Zeit so etwas zu planen …

Steffis Geständnis: "Ja, ich bin ein Kind vom Land"

Aufgewachsen in Bomlitz, einem knapp 7.000 Einwohner-Dorf in Niedersachsen. Danach kurze Zwischenstopps in großen Städten wie Düsseldorf und Mainz - und auch in weniger großen Städten, wie Uelzen und Baden-Baden.

Aber irgendwie zieht es mich immer wieder zurück aufs Land. Da fühle ich mich am wohlsten. Die Ruhe, die Idylle, das persönliche Umfeld - all das gefällt mir sehr. Wenn da nicht immer dieser weite Weg zur Arbeit nach Mainz wäre...

Der Fußballplatz in Longkamp (Foto: SWR, Stefanie Stronczyk)
Blick über den neuen Fußballplatz von Longkamp Stefanie Stronczyk

Seit 2008 lebe ich mit Mann, Hund und zwei Katzen in Longkamp im Hunsrück. Einwohner: knapp 1.100. Zuerst zur Miete im Mehrgenerationenhaus mit dem Opa und Onkel meines Mannes. 2012 haben wir unser eigenes Haus gekauft.

Longkamp

Steffi's Landleben Mein Longkamp in Bildern

SWR1 Moderatorin Steffi Stronczyk lebt in Longkamp, einem kleinen Ort im Hunsrück. Im Rahmen der ARD-Themenwoche Stadt.Land.Wandel stellt sie uns eine Woche lang das Leben in der 1.100 Einwohner Gemeinde vor.  mehr...

Andreasstraße in Longkamp

In der alten Dorfstraße der Ortsgemeinde Longkamp, der Andreasstraße, liegt der Kern der Orstgemeinschaft. Neben Andreasbrunnen, Kirche und Rathaus leben hier Alteingessene wie Zugezogene, die immer wieder die Möglichkeit erhalten, sich auf neue Erfahrungen einzulassen.  mehr...

Wenn Jabel zum Nabel der Welt wird SWR1 Leute mit Tine Wittler

Die bekannte Entertainerin zog nach 25 Jahren aus der Großstadt in ein 60-Seelendörfchen im Wendland, eröffnete eine Kneipe samt Kleinkunstbühne und erfand sich völlig neu.  mehr...

Leute SWR1 Rheinland-Pfalz

ARD Themenwoche 2021: Stadt.Land.Wandel Wo ist die Zukunft zuhause?

Von Städteplanung bis Mobilität, von Digitalisierung bis zu neuen Arbeitswelten: Veränderungen in diesen Zukunftsfeldern betreffen uns alle. Welche Lösungen gibt es, welche Zukunftsperspektiven?  mehr...

STAND
AUTOR/IN