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In Deutschland sterben rund 75.000 Menschen pro Jahr an einer nicht oder zu spät erkannten Blutvergiftung. Zu diesem erschreckenden Ergebnis kommt eine neue Studie des Verbands der Ersatzkassen (VDEK).

Warum eine Sepsis oft so spät erkannt wird und was Sie im Zweifel tun können, darüber haben wir mit Dr. Matthias Gründling von der Universitätsmedizin Greifswald gesprochen.

Intensivstation mit zwei Patienten in ihren Betten und vielen technischen Hilfsmitteln neben den Betten (Foto: SWR)
Eine Sepsis kann Folge einer intensivmedizinische Behandlung sein.

SWR1: Warum ist es gerade jetzt wichtig, über die Blutvergiftung zu sprechen?

Matthias Gründling: Es ist eigentlich immer wichtig, darüber zu sprechen. Aber gerade jetzt ist es wichtig, weil viele Corona-Patienten, die auf der Intensivstation liegen, nach ein bis zwei Wochen Intensivbehandlung im Nachhinein eine klassische Sepsis bekommen. Durch die künstliche Beatmung und die weiteren medizinischen Maßnahmen, damit die Patienten überleben, kann danach eine Sepsis entstehen. Aber das ist etwas, was wir von vielen Krankheiten kennen, die mit der Intensivmedizin behandelt werden.

SWR1: Eine Blutvergiftung kann viele betreffen. Das Problem dabei ist, dass man sie nicht erkennt, oder?

Gründling: Genau, sie ist relativ schwierig zu erkennen. Da kann also zum Beispiel Verwirrtheit ein frühes Zeichen sein. Aber auch, dass man schläfrig ist oder Fieber hat. Wenn man Schüttelfrost hat, kommt man sicherlich sehr schnell darauf. Es kann auch eine nachlassende Urinausscheidung sein. Das sind dann schon Organ-Störungen. Es sind ganz untypische Zeichen. Auch eine normale Grippe fängt oft so an.

Die Patienten sagen auch, sie fühlten sich sterbenskrank und haben sich noch nie so krank gefühlt. Das ist auch so ein typischer Satz von ihnen. Das muss man extrem ernst nehmen.

SWR1: Jetzt tun sich offensichtlich auch Ärzte schwer, eine Blutvergiftung zu diagnostizieren. Warum ist das so?

Gründling: Das geht dem medizinischen Personal ähnlich, wie der Normalbevölkerung. Wichtig ist es, eine Sepsis auf dem Zettel zu haben. Wenn jemand mit unklarer Diagnose in die Notaufnahme kommt, gilt so lange auch ein Sepsis-Verdacht, bis das Gegenteil bewiesen ist.

SWR1: Kommt eine Blutvergiftung einfach so?

Gründling: Es gibt natürlich einen Auslöser dafür und der ist immer eine Infektion. Wenn diese außer Kontrolle gerät - es also zu eine überschießenden Immunreaktion kommt - dann kommt es zur Sepsis. Die häufigste Ursache ist eine einfache Lungenentzündung. Oder es können auch Verletzungen sein, wie der rostige Nagel oder ein Stich an einer Dorne, der sich dann entzündet.

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SWR1: Auf was muss ich als ganz normaler Mensch in der Zukunft mehr achten?

Gründling: Wenn zusätzlichen zu Fieber oder Schüttelfrost noch ein Organversagen kommt - dass Angehörige bemerken, dass man durcheinander ist, die Urinausscheidung schlecht ist und die Person richtig krank aussieht und sich auch so fühlt -, dann sollte man einen Notarzt rufen und dann ruhig auf seinen Sepsis-Verdacht hinweisen. Dann steht das Wort auch mal im Raum und der Arzt denkt auch eher dran.

SWR1: Ist eine Sepsis gut behandelbar?

Gründling: Ja, sie ist relativ gut behandelbar. Wenn man schnell tätig wird und ein Antibiotikum gibt, nachdem man vorher Blutkulturen abgenommen hat, ist die Sterblichkeit deutlich geringer.

Weitere Informationen finden Sie auf den folgenden Seiten:

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