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Fahrradfahren verbinden viele mit einem schmerzenden Hinterteil oder Rücken. Fahrrad-Expertin Juliane Neuß kennt die Ursachen. Es geht um schlechte Haltung, ungeeignetes Material und falsche Maße.

Endlich wird das Wetter wieder frühlingshafter. Mit den ersten Sonnenstrahlen zieht es viele auf das Fahrrad. Nach der Radtour schmerzt es dann aber: Schulter, Rücken, Beine, Po. Was tun, wenn es in diesen Bereichen beim Radfahren weh tut? Das weiß Buchautorin und Fahrrad-Expertin Juliane Neuß aus Clausthal-Zellerfeld in Niedersachsen. Über die richtige Haltung auf dem Rad hat sie ein Buch geschrieben: "Richtig sitzen - locker Radfahren. Ergonomie am Fahrrad."

SWR1: Was ist aus Ihrer Sicht das wichtigste, wenn man mit dem Radfahren loslegen möchte?

Juliane Neuß: Als erstes kann ich mir die Frage stellen: Macht mir Radfahren wirklich Spaß und bin ich in der Lage, 40, 60, 80 Kilometer problemlos zu fahren. Wenn ich das verneinen muss und weiß, dass es nicht nur an meiner Kondition liegt, sondern mir das Radfahren Schmerzen bereitet - Knieschmerzen, Schulterschmerzen, Nackenschmerzen, Handgelenksschmerzen - dann muss ich auf die Suche gehen.

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Wie mache ich das?

Am besten erst einmal die Sattelhöhe ausprobieren. Ungefähr 95 bis 99 Prozent der Radfahrer sitzen zu tief. Das liegt daran, dass immer noch erzählt wird, man müsse mit den Füßen auf den Boden kommen. Das ist aber Gift für die Knie. Die Knie werden, wenn man dann tritt, einfach viel zu stark angewinkelt im oberen Lastbereich. Das Maß ist: Wenn man mit fast gestreckten Beinen auf dem Sattel sitzt, muss man gerade mal so mit dem Fußballen die Pedale erreichen.

Kommt man dann überhaupt noch auf den Boden?

Nein, auch nicht mehr. Das Pedal ist immer zehn oder elf Zentimeter über dem Boden, damit man die Bodenfreiheit in der Kurve hat. Und die würden glatt fehlen, wenn man mit den Fußspitzen auf den Boden kommen würde.

Jetzt haben wir schon mal die Höhe des Sattels. Was ist mit dem Sattel selbst? Wie hart oder wie weich sollte der sein?

Die Leute glauben immer: schön weich, schön breit. Beides ist ganz schlecht für lange Strecken. Wenn man zum Beispiel auf einem sehr weichen Sattel sitzt und den ein wenig entlastet, dann steigt dieses weiche Material, das sich eben noch eingedrückt hat, wieder auf und hält den Kontakt zum Körper. Das Material drückt gegen Gefäße und Gewebe. Damit gibt es keine Durchblutung. Und dann hat man nach 20 Minuten das Gefühl, dass einem der Hintern brennt.

Sie sagen, das richtige Fahrrad zu finden, ist gar nicht so einfach. Warum?

Schwierig ist es einfach, weil viele Fahrräder, die im Handel angeboten werden, von der Grundgeometrie gar nicht passen. Der Abstand zwischen Sattel und Lenker zum Beispiel ist bei mindestens 90 Prozent der Räder zu kurz. Das führt dazu, dass man mit krummem Rücken fahren muss. Dann tun einem die Hände weh, die Schultern. Der Lenker ist zu hoch, dann drückt man die Schultern nach oben. Das geht einfach nicht. Dieses "zu kurz" liegt daran, dass wir immer noch die Rahmenformen bauen, die wir in den 80er-Jahren eigentlich als Rennräder gebaut haben. Die Rennräder haben aber durch den Lenker eine ganz andere Abmessung. Das heißt, man sitzt ungefähr 10 bis 15 Zentimeter länger auf dem Rennrad. Und dann passt es. Aber was wir heute an Trekkingrädern und Cityrädern haben, ist einfach ziemlich kurz.

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Also müssten die Hersteller die Rahmen von Grund auf länger bauen, damit es passt?

Eigentlich schon. Aber das interessiert niemanden, weil der Kunde kauft, was er im Laden findet. Und die Händler und Hersteller haben keinen Leidensdruck, weil keiner sagt: Eure Fahrräder nehme ich nicht, die passen nicht. Da wird nicht viel passieren.

Haben die Rückenschmerzen in der Regel damit zu tun, dass das Fahrrad nicht passt, dass die Abstände zu kurz sind? Oder gibt es noch andere Ursachen?

Zu kurz und falscher Sattel. Wenn man einen Sattel hat, der einen im vorderen Bereich drückt, also im Dammbereich, dann weicht man mit dem Becken aus. Man kippt das Becken nach hinten, damit der Vorderbereich nicht belastet ist. Wenn man das Becken nach hinten kippt, macht man aber auch automatisch den Rücken krumm, um den Lenker zu erreichen. Das funktioniert nicht anders, und ein krummer Rücken tut weh, weil die Muskulatur dafür nicht gemacht ist. Wenn der Sattel richtig passt, dann neigt man sich mit dem Becken zusammen noch vorne. Becken- und Rückenachse sind eine Linie. Die Wirbelsäule behält die normale S-Form, und damit kann die Muskulatur optimal arbeiten. Dann ist man auch gegen Rückenschmerzen gefeit, weil die Muskulatur einen trägt. Außerdem hat man nicht so eine große Last auf den Händen, weil der Rücken sich selbst stabilisiert.

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