SWR1-Interview mit der Psychologin Anne Böckler-Raettig

"Wintersport ist für viele ein Gefühl von Normalität"

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Warum halten sich viele Wintersportler nicht an die Corona-Regeln? Das habe viele Gründe, sagt die Psychologin Anne Böckler-Raettig. Etwa das "Gefühl für Normalität" und die Gefahr, Risiken zu unterschätzen.

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SWR1: Welches psychologische Muster steckt dahinter - man darf nicht, aber macht es trotzdem?

Prof. Anne Böckler-Raettig: Zuerst befriedigt so ein Wintersport-Ausflug natürlich viele Bedürfnisse: Man kommt mal raus, sieht andere Menschen, kann vielleicht für kurze Zeit dieses anstrengende Jahr vergessen. Für viele ist es ein Ritual, das den Winter einfach ausmacht - das ein Gefühl von Normalität vielleicht auch vermittelt.

Neben diesen Bedürfnissen stehen die Einschränkungen, die wir alle erlebt haben, die zumindest subjektiv empfundenen vielen Male, die wir zurückstecken mussten. Und das gibt uns schnell das Gefühl, wir haben jetzt aber auch wirklich mal eine Pause, einen Urlaub verdient. Und zum Schluss ist da noch die Schwierigkeit, Risiken richtig einzuschätzen. Wir unterschätzen, wie viele andere Menschen auch in die Wintersportgebiete strömen werden, und wir unterschätzen, wie schnell auch wir selbst uns infizieren und andere an der frischen Luft anstecken können.

SWR1: Ist das schon die Antwort auf die Frage, warum dieses Verhalten bei den Menschen so unterschiedlich ausgeprägt ist?

Böckler-Raettig: Eigentlich nicht, nein. Bei diesen irrationalen, aber menschlich nachvollziehbaren Verhaltensentscheidungen spielen natürlich viele Faktoren eine Rolle. Manche davon liegen in der Person: Wir sind in unterschiedlichem Ausmaß bereit, für das Gemeinwohl zurückzustecken, wir sind vielleicht auch unterschiedlich gut in der Lage, Risiken zu begreifen, aber wir sollten auch den situativen Faktor nicht unterschätzen. Es gibt nicht die guten und die schlechten, die vollkommen irrationalen und die ganz rationalen Menschen, sondern wir alle verhalten uns - in unterschiedlichem Ausmaß natürlich - manchmal eher Pandemie-schlau und manchmal eher egoistisch und kurzsichtig.

SWR1: Was hilft gegen die Unvernünftigen? Nur drastische Strafen?

Böckler-Raettig: Als Psychologin haben Sie mich bei Strafen natürlich ertappt. Da sind die psychologischen Befunde recht eindeutig: Strafen helfen schon. Wenn ein Verhalten für uns möglichst unmittelbar negative Folgen hat, dann zeigen wir das Verhalten seltener. Dabei ist es aber natürlich wichtig, dass wir verstehen, weshalb wir bestraft werden.

Die Sanktionen, wenn wir sie denn einsetzen, dürfen natürlich nicht alleine stehen. Wichtig ist, dass der Hintergrund kommuniziert wird: Wieso brauchen wir den Mund-Nasen-Schutz, warum sind bestimmte Tätigkeiten, bestimmte Ausflüge verboten. Und als Wissenschaftlerin finde ich es natürlich gut, wenn auf empirischer Basis argumentiert wird - und dass die Inhalte natürlich auch sich ändern können, wenn der Erkenntnisstand sich ändert.

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