Darüber haben wir mit Schriftstellerin Andrea Stift-Laube gesprochen, die ein Buch über den Ehrgeiz geschrieben hat.
SWR1: Wann und wie haben Sie persönlich gemerkt, ob und wie wichtig Ehrgeiz ist?
Andrea Stift-Laube: Ich bin sozusagen ein Ehrgeiz-Spätzünder. Ich habe das erst sehr spät gemerkt, dass Ehrgeiz ziemlich wichtig ist. Nämlich erst zu dem Zeitpunkt, wo meine Kinder aus dem Haus waren und ich Zeit hatte, einen Ehrgeiz zu entwickeln.
SWR1: Wie hat sich das ausgewirkt?
Stift-Laube: Das hat sich dann so ausgewirkt, dass ich zu schreiben begonnen habe. Dass ich tatsächlich mehr Zeit in die Literatur gesteckt habe und dass ich mich auch politisch zu engagieren begann.
Selbstreflektion dient gesundem Ehrgeiz
SWR1: Wie findet man ein gutes Maß für gesunden Ehrgeiz, ohne es zu übertreiben?
Stift-Laube: Ich glaube, der Schlüssel dazu liegt in permanenten Pausen, die man einbaut. Man sollte immer wieder mal reflektieren; ist das jetzt noch mein Ehrgeiz, den ich da verfolge? Oder ist das ein Ehrgeiz, der mir von der Gesellschaft aufoktroyiert (aufgezwungen, Anmerkung d. Red.) wird? Oder ist das ein Ehrgeiz, der mir von meinen Eltern vorgelebt wurde? Ich finde, es ist gut, man setzt sich immer wieder mal zwischendurch auf eine Bank und denkt darüber nach, bin ich das noch, sind das meine Ziele und machen sie mich glücklich?
Soziale Medien beeinflussen unseren Ehrgeiz
SWR1: In den sozialen Medien hat man die Möglichkeit, sich mit relativ großem Publikum angeberisch darzustellen. Würden Sie das so sehen, dass das möglicherweise eine ungesunde Anstachelung des Ehrgeizes zur Folge hat?
Stift-Laube: Ja, ich denke, Ehrgeiz hat viele verschiedene Erscheinungsformen. Die sozialen Medien tragen sicher dazu bei, individuellen Ehrgeiz zu entwickeln, den man vielleicht von vornherein gar nicht hatte. Ich denke da jetzt an einen schönen Urlaub. Wir sehen ja auf den sozialen Medien immer nur die schönen Bilder und nicht so sehr die hässlichen.
Ehrgeiz entsteht auch immer in der Auseinandersetzung mit anderen Menschen. Das heißt, soziale Medien sind eben genau dazu da, das ist ein Pool, wo wir uns mit anderen Menschen vergleichen und auseinandersetzen. Wenn ich der letzte Mensch auf Erden wäre, dann hätte ich vielleicht nicht mehr den Ehrgeiz, einen schönen Urlaub zu machen oder ein schönes Haus zu bauen. Sondern dann hätte ich vielleicht einen anderen Ehrgeiz, nämlich den zu überleben.
Wenn Eltern ihren Ehrgeiz auf Kinder übertragen
SWR1: Es gibt ja den Ehrgeiz, den man für sich selbst entwickelt und viele Eltern beispielsweise sind für ihre Kinder ehrgeizig, schubsen sie möglicherweise in eine Richtung, die den Kindern gar nicht gerecht wird. Wo erkennt man da den Unterschied zwischen sinnvoller Förderung und tatsächlich einem falschen Ehrgeiz, den man auf die Kinder überträgt?
Stift-Laube: Das ist ein sehr heikles Thema und das kenne ich auch wirklich aus eigener Erfahrung. Ich glaube, dass wirklich viele Eltern ihren eigenen Ehrgeiz auf ihre Kinder übertragen. Das kann auch sehr spät erst im Leben zum Vorschein kommen, wenn ich innehalte und mich frage, was ich da eigentlich tue. Es kann aber auch schon sehr früh im Leben passieren und Eltern werden ein Stück weit auch von der Gesellschaft dazu gedrängt.
Wir machen als Eltern das, was alle anderen machen. Aber weil wir davon überzeugt sind, dass unsere Kinder die besten, schönsten und klügsten sind, fördern wir sie von klein auf und lassen ihnen vielleicht gar nicht die Zeit, sich selbst zu finden.
Das Gespräch führte SWR1 Moderator Hanns Lohmann.
Weitere Informationen zur Autorin finden Sie auf der Webseite von Andrea Stift-Laube.