Für weniger Ablenkung im Unterricht

Sollte es ein Smartphone-Verbot an Schulen geben?

Stand
Das Interview führte
Jürgen Kurth
Interview mit
Prof. Dr. Ysette Weiss
Onlinefassung
SWR1

Smartphones sind ständige Begleiter von Kindern. Auch in Schulen, wo sie eher ablenken. Deshalb fordern 70 Experten aus Pädagogik und Medizin nun ein Smartphone-Verbot an Schulen.

Die Experten fordern nicht nur ein Smartphone-Verbot, sondern auch weniger Digitalisierung im Unterricht. Ihre Vorschläge sollen der neuen Bundesregierung vorgelegt werden. Eine der Unterzeichnerinnen ist Prof. Dr. Ysette Weiss, Mathematik-Didaktikerin an der Uni Mainz. Wir haben mit ihr über das Verbot gesprochen.

Experten fordern generelles Smartphone-Verbot an Schulen

SWR1: Wie muss ich mir das Smartphone-Verbot vorstellen? Als ein generelles oder soll jede Schule selbst entscheiden? Was ist die Forderung?

Prof. Dr. Ysette Weiss: Das sollte ein generelles Verbot sein. Erstmal sind auch ökonomische Interessen dahinter, Smartphones in der Schule zu etablieren. Die Schule ist eher eine Nische, wo man noch das Vertrauen in sinnliche Fähigkeiten, in soziale Kontakte, Verantwortung übernehmen und Arbeitsteilung lernen kann.

Wenn man das an der Schule ansiedelt, dann sind das große Diskussionen mit der Elternschaft. An der Stelle ist es einfacher, wenn man die Vorlage hat, erstmal zu sagen: Smartphones raus. Wie wir die Sache neu gestalten, liegt dann auch bei der Schule.

SWR1: Man hatte sich lange viel von der Digitalisierung der Schule versprochen. Aber wenn ich Sie jetzt so höre, muss ich Sie fragen: Machen Handys oder Tablets die Schüler dumm?

Weiss: Sie lenken sie zumindest stark ab. Es gibt Studien, die zeigen, wenn zum Beispiel das Tablett oder das Smartphone noch im Raum sind, dass dann die Konzentration bedeutend schlechter ist. Es muss wirklich weggeschlossen und draußen sein.

Wenn es um Konzentration auf bestimmte Inhalte geht, dann ist eine starke Ablenkung da. Ablenkung unterstützt jetzt nicht den Lernprozess.

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Wie reagieren Schüler auf digitalen Unterricht?

SWR1: Die Erfahrung zeigt auch, dass Schüler komplett unterschiedlich auf digitalen Unterricht reagieren.

Weiss: Am Anfang war mit dem Internet noch die Hoffnung, dass dadurch größere soziale Gerechtigkeit da ist. Aber es zeigt sich eben, dass sehr leistungsstarke Schüler mit den digitalen Werkzeugen besser umgehen.

Aber gerade bei leistungsschwächeren Schülern - die sich Fertigkeiten länger erarbeiten müssen und auch sinnliche Wahrnehmung sehr stark einbeziehen, um Begriffe zu verstehen - hindert das eher den Lernprozess.

Deshalb war diese größere, soziale Gerechtigkeit, die sich aber leider nicht erfüllt hat, ein Wunschdenken, was auch viele Studien bestätigen. Auch Corona hat die Erfahrung geliefert, dass dieses digitale Lernen doch für Kinder, vor allen Dingen eben auch für Grundschüler, eine riesige Hürde darstellt.

SWR1: Was ist die Schlussfolgerung? Zurück zu Kreide und Tafel?

Weiss: Ich gehe von der Mathematik aus. Das ist dann auch wieder fachspezifisch. In der Physik wird es Experimente geben, wo ein Handy auch mal was ganz Neues liefert. Aber die Tafel hat eben den Vorteil, dass das Kind da lernt. Wenn ich einen Zettel und einen Stift vor mir habe, dann bin ich schon in der Lage, einen Gedanken zu entwickeln. Ich kann ihn festhalten, ich kann ihn visualisieren.

Wenn ich dazu aber immer einen riesigen technischen Aufwand brauche, um überhaupt damit anzufangen, etwas zu schreiben, etwas zu malen, was zu tun, dann ist das ein Hemmnis. Also, die Tafel ist das Vormachen, wie ich mit sehr einfachen Mitteln doch schon sehr weitreichende Gedanken selbst entwickeln kann, ohne, dass sich dabei große technische Abhängigkeiten habe.

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