Lösungsansätze von Prof. Dr. Jutta Rump

Wie können wir besser mit Personalmangel umgehen?

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MODERATOR/IN
Steffi Stronczyk
Steffi Stronczyk

Der DAK-Gesundheitsreport 2023 hat gezeigt, dass Personalmangel zu einem erhöhten Krankenstand führen kann. Wie können Mitarbeiter und Arbeitgeber im Betrieb besser damit umgehen?

Prof. Dr. Jutta Rump vom Institut für Beschäftigung an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft in Ludwigshafen kommentiert die Studienergebnisse der DAK Gesundheit und meint, die verbliebenen Beschäftigten müssen im Betrieb gehalten werden.

SWR1: Was muss ein Betrieb tun, damit der Druck von den Mitarbeitern genommen wird, die das fehlende Personal im Moment ausgleichen?

Jutta Rump: Die Fragestellung, wie wir eine Personalarbeit wirklich auch sehr gesundheitsförderlich gestalten, ist eine Frage, die eine strategische Dimension hat. Das bedeutet Mitarbeiterbindung steht im Fokus, aber auch genauso das Thema Gesundheitsmanagement, Gesundheitsförderung, wie auch den Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit. Die Frage, wie man das gestalten kann, ist vielfältig. Einerseits sollten Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen nach ihren Stärken eingestellt und auch eingesetzt werden. Das zweite wichtige ist Unternehmenskultur kombiniert mit dem Betriebsklima. Sehr wichtig ist auch, das Thema Zeit in den Fokus zu nehmen.

Wir haben in der Arbeitswelt neben Geld und Sicherheit das Thema Zeit als neue Währung.

SWR1: Also mehr Freizeit?

Rump: Ich würde eher sagen, flexiblere Arbeitszeiten würden schon helfen. Lebensphasenorientierte Gestaltung von Arbeitszeiten könnten helfen. Das ist beispielsweise die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Aber auch kreative und kluge Gestaltung von Zeitmodellen gehören dazu. Ich möchte auch nicht außer Acht lassen, dass das natürlich auch eine ziemliche Herausforderung für Arbeitgeber ist. Die haben auch ganz bestimmte Zeitkorridore wie Schichtmodelle, Öffnungszeiten oder Kundenorientierung. Da sind natürlich sehr, sehr viele Aspekte, die es zu berücksichtigen gilt. Das in Einklang zu bringen mit den Bedürfnissen der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, ist eine ganz, ganz zentrale Frage der Gegenwart und der Zukunft.

Arbeitsprozesse im mit Vorgesetzten und Kollegen überarbeiten

SWR1: Schlafstörungen, Rückenschmerzen, Kopfschmerzen sind jetzt nur einige der Stresssymptome. Was kann denn jeder Einzelne tun, um sich vor dem wachsenden Druck zu schützen?

Rump: Mit dem Vorgesetzten, also mit dem Chef oder der Chefin, darüber reden. Dann auch gucken, dass man bestimmte Bewegungspausen macht. Wenn man sehr viel vor dem Bildschirm sitzt, ist es wichtig, da auch mal wieder ein bisschen herunterzukommen und nicht in diese sogenannte Online-Müdigkeit zu verfallen. Wichtig ist, auf die Arbeitsprozesse zu schauen. Und zwar gemeinsam mit den Kollegen und Kolleginnen und gemeinsam mit der Führungskraft.

Andere Länder gehen mit Arbeit anders um

SWR1: Gibt es Beispiele von Firmen, vielleicht auch aus anderen Ländern, die dieses Problem generell sehr gut gelöst haben?

Rump: Ich denke, es sind eher Gesellschaften, die einen ganz bestimmten Blick auf die Arbeit haben. Also wenn Sie nach Skandinavien gehen, ist das Thema "Work-Life-Balance", also in Balance bleiben, in der Gesellschaft anders verortet. Auch die Niederländer gehen ein bisschen relaxter an diese Thematik heran. Wir in Deutschland haben immer noch einen sehr starken Ethos, wenn es um das Thema Arbeiten geht. Am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben, hat bei uns immer ganz viel mit meinem Standing in der Arbeitswelt zu tun. Da mal einen Schritt zurück zu machen, täte uns mal ganz gut. Da kann man von den anderen Ländern noch was lernen.

Auf der anderen Seite sind wir natürlich auch eine Volkswirtschaft, die davon lebt, dass wir eben gut motivierte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen haben, die über eine gute Kompetenz verfügen. Das ist unser einziger Rohstoff, den wir haben. Der sichert auch unseren gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Wohlstand.

Aber nichtsdestotrotz: Wir brauchen natürlich Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die nicht nur kompetent sind, sich identifizieren und motiviert sind, sondern die alle gemeinsam auch gesund bleiben. Denn vielleicht mal an der einen oder anderen Stelle nicht 120 Prozent zu machen, sondern vielleicht "nur" 100 Prozent, trägt auch dazu bei, dass wir gesund bleiben. Damit habe ich weniger Krankenstände und trage zur Produktivität bei.

Das Gespräch führte SWR1 Moderatorin Steffi Stronczyk.

Weitere Informationen zu Prof. Jutta Rump erfahren Sie bei der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft in Ludwigshafen. Auf der Webseite der DAK finden Sie den Gesundheitsreport 2023 für Deutschland und für Rheinland-Pfalz.

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