Bitte warten...
Junge rErwachsener mit Headset vor PC

Online-Spielsucht "Man wandelt rum wie ein Zombie"

Was als harmlose Spielerei beginnt, endet nicht selten in einer echten Sucht - die Sucht danach, immerzu online zu sein, den Lebensinhalt auf ein Spiel zu reduzieren. SWR1 Reporter Stephan Ebmeyer hat einen Online-Spielsüchtigen getroffen.

Jahrelang gibt es für den 21-jährigen Rheinland-Pfälzer nur ein Ziel im Leben: Spielen! Statt einiger Stunden verbringt der junge Mann ganze Tage vor dem Rechner und zockt. Der Name der Sucht: "Operation 7", ein Online-Computerspiel. Zuletzt schafft er es, drei Tage am Stück durchzuspielen: "Wenn man dann geschlafen hat, dann waren das auch maximal vier bis sechs Stunden. Man wandelt dann am Ende rum wie ein Zombie," kommentiert der junge Mann heute sein Verhalten. Zum Zocken kommen Unmengen an Zigaretten. Dieses Abgleiten habe er damals gar nicht so wahrgenommen.

Mahlzeiten - Fehlanzeige!

Mit dem Schlafentzug, dem übersteigerten Tabakkonsum und den fehlenden Mahlzeiten geht ein rasanter Gewichtsverlust einher. Fünf Jahre lang geht das so. Insgesamt verliert der Mann so über vierzig Kilogramm Körpergewicht. Er verlässt die Schule - ohne Abschluss. Seine Motivation beschreibt er heute mit: "Dieser Drang irgendwie besser zu sein als alle anderen. Das ist das, was mir Spaß gemacht hat. Dieses Gefühl zu haben, ich habe Power und alle anderen sind, auf gut deutsch gesagt, scheiße."

50.000 Euro Schulden

Seine Spielsucht bleibt, wie bei vielen anderen Betroffenen auch, nicht ohne Folgen. Der junge Mann häuft Schulden in Höhe von mehr als 50.000 Euro an. Für "noch bessere" virtuelle Waffen, für noch mehr virtuelle Munition. Denn genau das ist das Geschäftsmodell hinter den Online-Spielen.

Szene aus dem Computerspiel "Operation 7"

Szene aus dem Computerspiel "Operation 7"

Geschäftsmodell Online-Spiele
Fast alle Online-Spiele funktionieren nach einem einfachen Geschäftsmodell. Der Nutzer legt sich zunächst einen Basis-Account an und bekommt somit Zugang zur Spielewelt. Dabei verfügt der Spielecharakter über eine minimale virtuelle Ausrüstung wie zum Beispiel Waffen, Eigenschaften oder Ähnliches. Um im Spiel aber erfolgreich sein zu können, sind deutlich "bessere" Eigen- oder Gerätschaften notwendig. Diese können, je nach Spiel, relativ mühsam erspielt werden oder sie werden - mit realem Geld - gekauft. Dabei können schnell auch größere Beträge entstehen, die Süchtige dann in die Verschuldung treiben können. Kritiker der Spiele-Branche werfen dem Genre genau das vor.

Ambulanz für Spielsucht bietet Hilfe

Nach eigener Aussage begreift der 21-Jährige erst durch die Überschuldung das gesamte Ausmaß der Spielsucht: "Und da habe ich mir dann auch schon selbst gesagt: Okay, das geht so nicht mehr weiter. Du muss jetzt was machen. Steh mal auf und sieh zu, dass Du in irgendeiner Art und Weise was änderst."

Hilfe findet der junge Mann an der Universitätsklinik in Mainz. Dort gibt es eine Ambulanz für Spielsucht, die ihn auf seinem Weg aus der Sucht unterstützen kann.

Das Krankheitsbild selbst ist noch relativ jung. Erst im Juli hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Online-Spielsucht zur Krankheit erklärt - eine Grundvoraussetzung für eine Therapie. In Deutschland spielt jeder zweite Computer- oder Videospiele. Die Zahl der Abhängigen, so Dr. Kai Müller von der Ambulanz für Spielsucht, liegt dabei bei unter einem Prozent.

Der 21-jährige sieht seine Chancen, die Online-Spielsucht zu besiegen, heute gut: "Ich habe auch schon eine Reha-Maßnahme gemacht. Jetzt steht noch eine an, die ich jetzt demnächst antreten will. Und dann bin ich aus der Hölle endlich raus."