Schriftstellerin Charlotte Link

"Literatur bleibt hinter dem Schrecken der echten Welt zurück"

STAND
MODERATOR/IN
Michael Lueg
SWR1-Moderator Michael Lueg (Foto: SWR, SWR1 -)

In ihren Büchern gibt es meist keinen "willkürlich mordenden Psychopathen", sagt Charlotte Link. Im Interview hat die Schriftstellerin mit uns über ihre Inspiration zum Schreiben und ihre Arbeitsweise gesprochen.

Audio herunterladen (2,2 MB | MP3)

SWR1: Gruseln Sie sich manchmal selbst wenn Sie schreiben?

Charlotte Link: Ich sitze hier ganz idyllisch an meinem Schreibtisch und habe meine schnarchenden Hunde um mich herum. Also das ist eigentlich nicht so gruselig. Aber natürlich, wenn man manchmal sehr intensiv über Menschen nachdenkt und was in ihnen so vorgeht, da kann einem schon ein bisschen komisch werden.

SWR1: Wie ist es mit überraschenden Ideen, die man plötzlich hat und denkt "das gibt es doch gar nicht"?

Das, was wirklich in der Welt passiert, ist so furchtbar, dass ich oft glaube, das würde mir ja nie einfallen.

Link: Eigentlich ist es bei mir eher andersherum. Ich denke, das, was wirklich in der Welt passiert, ist so furchtbar, dass ich oft glaube, das würde mir ja nie einfallen. Also ich finde immer, jegliche Literatur bleibt leider immer noch hinter dem echten Schrecken in der Welt zurück.

SWR1: Verändert das einen auf die Dauer, wenn man sich über Jahre mit menschlichen Abgründen beschäftigt?

Link: Ich habe ja ganz selten einfach nur den fürchterlich willkürlich herummordenden Psychopathen. Meistens habe ich ganz normale Menschen, die durch bestimmte Geschehnisse in ihrem Leben irgendwann so in die Enge getrieben werden, dass sie eine schlimme Tat begehen, obwohl man sie eigentlich nicht von Anfang an als kriminell eingestuft hätte. Wobei das noch nicht heißt, dass man es gutheißt oder dass man es rechtfertigt.

SWR1: Wie entsteht bei Ihnen eine Idee zu einem neuen Thriller?

Link: Lustigerweise gar nicht aus dem Verbrechen. Viele denken, ich blättere die Zeitung durch, finde dort irgendein interessantes Verbrechen und mache was daraus. So ist es gar nicht. Ich fange oft an einer ganz anderen Stelle an, nämlich bei einem ganz normalen Menschen in einem ganz normalen Umfeld. Aber mir kommt plötzlich der Einfall: was kann jetzt in seinem Leben passieren? Plötzlich mit dem Rücken zur Wand zu stehen, das ist ein Szenario, das ich sehr mag.

SWR1: Schreiben Sie tagsüber oder nachts oder von morgens bis abends, wenn Sie sich gut fühlen? Wie läuft das bei Ihnen?

Link: Da bin ich ziemlich strukturiert. Ich sitze morgens ab 8 Uhr am Schreibtisch und habe jeden Tag ein persönliches Limit für mich. Das sind zwei Seiten im Computer, das sind nicht ganz drei Seiten im Buch. Und die will ich jeden Tag schaffen. Und manchmal läuft das super gut, dann bin ich mittags fertig, und manchmal sitze ich abends noch dran.

Das Interview führte Michael Lueg.

Neben dem neu erschienen Kriminalroman von Charlotte Link finden Sie hier weitere Buchtipps - egal ob Skandinavien-Krimi oder Frauen-Krimi.

Sie haben gewählt! Echtes Buch, E-Book oder Hörbuch?

In der SWR1 Lesewoche wollten wir von unseren Hörerinnen und Hörern wissen: Wie konsumieren Sie am liebsten Bücher?  mehr...

Der Nachmittag SWR1 Rheinland-Pfalz

Lesen oder lesen lassen Darauf sollten Sie beim Kauf von Hörbüchern achten

Ein Großteil aller bei uns veröffentlichten Literatur gibt es mittlerweile auch als Hörbuch. Wenn Sie sich lieber vorlesen lassen, erfahren Sie von uns, worauf Sie beim Erwerb von Hörbüchern unbedingt achten sollten und wie sie kostenlos an "Futter für die Ohren" kommen.  mehr...

Reportage Yonatan Sagiv – Der letzte Schrei

Im Krimi „Der letzte Schrei“ ermittelt Oded Chefer in der Welt der Unterprivilegierten, der illegalen Flüchtlinge und der Transmenschen. Drei Fälle konnte der homosexuelle Detektiv bereits lösen, doch erst der dritte wurde nun ins Deutsche übersetzt.
Reportage von Carsten Hueck.
Aus dem Hebräischen von Markus Lemke
Kein und Aber Verlag, 400 Seiten, 25 Euro
ISBN 978-3-0369-5865-1  mehr...

SWR2 lesenswert Magazin SWR2

Buchkritik Femi Kayode – Lightseekers

Der nigerianische Schriftsteller Femi Kayode rekonstruiert in seinem Krimi-Debüt „Lightseekers“ den Lynchmord an drei Studenten in Port Harcourt – und erzählt ausgehend von diesem wahren Fall von einer zerrissenen Gesellschaft, organisierter Gewalt und dem Einfluss sozialer Medien.
Rezension von Sonja Hartl.
Aus dem Englischen von Andreas Jäger
btb Verlag, 464 Seiten, 16 Euro
ISBN: 978-3-442-77011-3  mehr...

SWR2 lesenswert Magazin SWR2

Lesetipp James Ellroy – Die schwarze Dahlie

„Lebend bin ich ihr nie begegnet“, stellt Polizist Bucky Bleichert schon ganz zu Anfang des Romans „Die schwarze Dahlie“ fest. Der Cop aus Los Angeles bekommt es erst mit der 22-jährigen Elizabeth Short zu tun, als sie bereits tot ist.
Im Januar 1947 wurde ihre entsetzlich zugerichtete Leiche gefunden. Ihr Tod wurde nie völlig aufgeklärt. Für manch einen Ermittler wurde der Fall zur Obsession, auch für Bucky Bleichert in James Ellroys True-Crime-Roman „Die schwarze Dahlie“. 1987 erschien der Thriller im amerikanischen Original, 1988 auch auf Deutsch.
Ellroys realistischer Erzählstil machte großen Eindruck auf Horst Eckert, der den Roman bald nach Erscheinen las. „Ein großartiges, düsteres Gesellschaftspanorama“, sagt er in seinem Lesetipp auf SWR2.
Seit Mitte der 1990er Jahre schreibt Horst Eckert selbst Krimis und Thriller, zuletzt den vom Wirecard-Skandal inspirierten Politthriller „Das Jahr der Gier“ (Heyne). Den Anstoß zum eigenen Schreiben gab ihm James Ellroy. „Die schwarze Dahlie“, sagt Eckert, „hat mich zum Krimi-Fan gemacht und letztlich auch zum Schriftsteller.“
Aus dem Amerikanischen von Jürgen Behrens
Ullstein Verlag, 576 Seiten, 14 Euro
ISBN 9783548290003  mehr...

SWR2 lesenswert Magazin SWR2