Flut-Autor Andy Neumann

"Wir als Ahrtal hätten genug zu demonstrieren!"

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Claudia Deeg

Andy Neumann hat die Ahrtal-Flut zusammen mit seiner Familie erlebt und ein Buch darüber geschrieben. Zum Jahrestag der Katastrophe legt er nach. „Vergiss mal nicht! Eine Denkschrift“ heißt sein neues Werk und Claudia Deeg hat mit Andy Neumann gesprochen.

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SWR1: "Papa, wir haben das Meer am Haus", so hat Ihr Kind den Blick auf das Hochwasser am Morgen danach beschrieben. Wir haben Sie darauf reagiert? Wissen Sie das noch?

Andy Neumann: Ja, das weiß ich noch relativ gut. Wir hatten ja das große Glück, dass es meine Frau in der Nacht wirklich geschafft hat, dass meine Kinder geschlafen haben. Dieses Glück hatten, weiß Gott nicht alle. Meine Kinder haben es dann tatsächlich am nächsten Morgen dadurch, dass meine Frau es ihnen so erklärt hat, das ganze mehr oder weniger als Abenteuer verstanden. Und so habe ich meine Kinder damals auch erlebt: abenteuerlustig und fröhlich. Das hat mir ganze Wagenladungen Steine vom Herzen geschafft.

Andy Neumann und seine Marius Müller-Westernhagen-Version von "Wieder hier"

SWR1: Sie konnten sich also alle retten – was ist mit Ihrem Haus passiert?

Neumann: Das Erdgeschoss ist, wie bei den meisten, komplett überflutet worden.Wir hatten aber natürlich das Glück. Wir haben noch ein Obergeschoss und hätten auch noch ein Dachgeschoss gehabt. Insofern wussten wir dann irgendwann gegen 3 Uhr, dass der Wasserspiegel wieder sinkt und dann war für uns erst einmal alles okay. Auch dass wir die Kinder nicht wecken mussten, war insofern noch Glück im Unglück..

SWR1: Da schwingt auch viel Erleichterung mit, weil es einfach auch hätte schlimmer kommen können, oder?

Neumann: Ja, ganz sicher! Wir gehören bestimmt mit zu den glücklichsten Familien in dieser Katastrophe. Und ich finde, da darf man bei allem Ärger und bei all dem Kummer den man hatte und bei all der Kraft die das gekostet hat, jetzt nicht verzweifelt sein. Da gibt es andere Leute, die heute noch um ihre Existenz kämpfen. Da gibt es Menschen, die haben Angehörige verloren - da werde ich nie, nie klagen.

SWR1: Woher haben Sie die Kraft zum Weitermachen genommen?

Neumann: Ich glaube, die Frage würden wir alle gleich beantworten: Wir mussten es ja einfach. Die Häuser waren überflutet und verschlammt aber es waren unsere Häuser, es war unser Leben. Und da sind wir mit aller Kraft rangegangen, die irgendwie da war und die ich glaube, diese Kraft kommt ja auch in solchen Extremsituationen. Wenn wir in diesem Land wirklich ernsthafte Probleme haben, das hat das Kollektiv auch bewiesen, dann sind wir auch wirklich zu großartigen Dingen in der Lage - sowohl der Einzelne als auch tatsächlich das ganze Land.

SWR1: Am Wochenende haben in Mainz Menschen aus dem Ahrtal gegen den langsamen Wiederaufbau demonstriert. Ist das berechtigt, ist das repräsentativ? Wie nehmen Sie das wahr?

Neumann: Man muss bei diesem Demonstrationen ein bisschen vorsichtig sein. Bei dieser Demonstration waren sicherlich nicht mal zur Hälfte Ahrtaler dabei. Das sind auch Helfer und Menschen, die diese Helferstrukturen anführen, von denen im Tal nicht unbedingt jeder möchte, dass sie uns repräsentieren. Ich bin bei diesen Demonstrationen etwas vorsichtig in der Einschätzung. Ich sage es mal so: Wir an der Ahr hätten alle genügend Grund zu demonstrieren. Denn es ist tatsächlich so, dass die Abarbeitung der Flutkatastrophe auch die administrative Bewältigung der Folgen für die Betroffenen und gerade für die, denen es wirklich schlecht geht, die ist auch weiterhin eine Katastrophe. Wir als Tal hätten sicherlich - wenn wir mal die Kraft hätten und nichts Besseres zu tun hätten - genug zu demonstrieren.

Das Gespräch führte Claudia Deeg.

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Alle 6 Folgen erscheinen am 1. Juli 2022. 
Der Podcast ist eine Produktion von SWR und WDR. 
Kontakt: dieflut@wdr.de  
  
Warnung: In diesem Podcast werden die Todesumstände von Johanna und der Umgang mit ihrem Tod explizit beschrieben. Wenn euch Themen wie Tod, Trauer oder Suizid belasten oder ihr selbst von den Ereignissen betroffen wart und traumatisiert seid, hört euch den Podcast besser nicht oder nicht alleine an. Hilfe findet ihr z.B. bei der Telefonseelsorge oder www.thz-ahrtal.de.  mehr...

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