20 Jahre Grönemeyer-Album "Mensch"

Musikalische Trauerbewältigung

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SWR1

Vor 20 Jahren erschien "Mensch" - das bisher erfolgreichste Album von Herbert Grönemeyer. Im SWR1 Interview erzählt Schlagzeuger Armin Rühl von der Entstehung der Platte und erklärt, was sie mit Trauerbewältigung zu tun hat.

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SWR1: Auf dem Album "Mensch" hat Herbert Grönemeyer Musik gemacht in einer für ihn sehr persönlichen Zeit. Jeder weiß, dass damals seine Frau verstorben ist. Was mancher vielleicht nicht weiß, ist, dass auch einer seiner Brüder damals kurz zuvor gestorben ist - persönliche Schicksale, die man dann auch auf diesem Album bemerkt und gehört hat. Wie war das im Studio eigentlich?

"Aber Papa, jetzt nicht aufhören zu singen."

Armin Rühl: Wir haben ja eine längere Pause gemacht - nach dem Tod seiner Frau [1998, Anm. d. Red] hat er den Blues gehabt. Und seine damals neunjährige Tochter hat ihm gesagt: Aber Papa, jetzt nicht aufhören zu singen. Das hat ihm dann wieder Auftrieb gegeben. 2001 haben wir dann wieder im Studio gearbeitet, für die "Mensch"-Platte.

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SWR1: Das war im Grunde dann aber auch eine musikalische Trauerbewältigung -  und bedeutete im Studio eine ganz besondere Stimmung?

Herbert ist ein äußerst positiver und optimistischer Mensch.

Rühl: Das kann man nicht sagen. Herbert ist ja ein äußerst positiver und optimistischer Mensch. Natürlich hat er das dann auch in Musik und Text verarbeitet. Aber im Studio war eine gelöste Stimmung, sage ich mal.

SWR1: Es ist ja im Grunde der größte Erfolg von Herbert Grönemeyer bis heute. Haben Sie damals im Studio in London, wo ja die Aufnahmen entstanden sind, gespürt: Ich mach da bei etwas ganz Großem mit? Oder denkt man einfach: Ich mache bei einer Herbert-Grönemeyer Platte-mit und mal gucken, was passiert?

Herbert schreibt seine Texte, nachdem die Musik fertig ist.

Rühl: Genau. Das kann man nicht steuern. Wir machen Musik, wie sie aus uns rauskommt. Man hofft natürlich, dass die Platte ankommt beim Publikum. Es ist bekannt, dass Herbert seine Texte schreibt, nachdem die Musik fertig ist. Als wir im Studio waren, gab es keine Texte. Das sind dann so "blabla"-Texte, dass man weiß, wo die Melodie hinführt. Texten tut er dann, ohne dass wir das mitkriegen.

SWR1: Es gibt Kritiker, die sagen, er sinkt eigentlich immer "blabla"-Texte.

Rühl: [lacht] Das sehen aber Millionen Fans anders.

SWR1: Wer mal genau hinhört auf die Texte, der weiß, was dahinter steckt. Aber manchmal hat man hier und da doch Schwierigkeiten, Herbert Grönemeyer textlich zu folgen. Ist Ihnen das auch schon mal passiert, dass Sie erst mal ein bisschen gebraucht haben?

Rühl: Ja, das ist so. Ich habe schon Herbert gehört, als er die fertige Platte in der Hand hatte mit den Text-Beilagen, dass er halb im Scherz gesagt hat: Wer hat das denn geschrieben? Was soll das denn bedeuten? Und ich dann gesagt habe: Wenn Du es nicht weißt, wie sollen es dann die Fans wissen?

Für mich ist Herbert Grönemeyer in der Tradition der deutschen Dichter und Denker. Dichter heißt ja "verdichten". Das bedeutet, dass er ein Gefühl, auch ein gesellschaftliches, in Worte gefasst und verdichtet hat. Manchmal versteht man ihn nicht gut, dann muss man die Texte mitlesen. Und dann kann man aber was projizieren, dann kann jeder was daraus ziehen, auch was für ihn persönlich von Bedeutung ist.

SWR1: Im Grunde wahre Kunst: Man hat die Möglichkeit, auch sein eigenes Bild reinzuprojizieren.

Rühl: Ja, so sehe ich das.

Das Gespräch führte Veit Berthold.

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