Paneuropäisches Picknick 1989 (Foto: dpa Bildfunk, Votava)

Freiheit für DDR-Bürger Das Paneuropäische Picknick

Am 19. August 1989 gelingt rund 500 DDR-Bürgern vom ungarischen Šopron aus die Flucht nach Österreich. Die Flüchtlinge stürmen durch ein Tor im Grenzzaun, das eigentlich für eine ganz andere Veranstaltung symbolisch geöffnet worden war.

Eigentlich wollten Österreicher und Ungarn ihre Zugehörigkeit zu Europa dort demonstrieren. Die Demonstration, die später als "Paneuropäisches Picknick" in die Geschichte eingehen wird, hatte sich bei den zahlreichen wartenden DDR-Bürgern herumgesprochen. Als die österreichischen Grenzer das Tor im Zaun öffnen, werden sie von den Flüchtlingen überrannt. Dieser Moment gilt als Meilenstein im Prozess um den Zerfall des Ostblocks, den Niedergang der Deutschen Demokratischen Republik und als einer der Vorboten für den Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989.

Mitorganisiert

Gräfin Walburga von Habsburg Douglas (Foto: dpa Bildfunk, Ursula Düren)
Gräfin Walburga von Habsburg Douglas Ursula Düren

Die Journalistin Gräfin Walburga von Habsburg Douglas hat dieses Picknick damals mit organisiert. Michael Lueg hat sich mit ihr über dieses Ereignis vor 30 Jahren unterhalten.

Das Treffen, das Sie damals organisiert haben, war eigentlich als Treffen zwischen Österreichern und Ungarn geplant. Wie kamen da 500 DDR-Bürger ins Spiel?

Die DDR-Bürger haben sich damals wie in einer Falle gefühlt. Das war den ganzen Sommer spürbar. Und viele haben versucht in die sozialistischen Bruderländer zu gehen und dort auf einen kleinen Riss im Eisernen Vorhang zu hoffen. Und für Ungarn haben sie kein Visum gebraucht. Deshalb sind sehr viele während der Ferien nach Ungarn gefahren. Um zu sehen, ob es von dort aus möglich sein könnte, die Grenze zu überqueren.

Hatten Sie die DDR- Bürger gar nicht auf der Rechnung damals?

Wir haben zum ersten Mal im Juni 1989, also kurz nach der Europawahl über die Veranstaltung gesprochen. Da war uns noch nicht klar, dass sich während der Sommerferien so viel zusammenbrauen würde. Die Veranstaltung haben wir eigentlich nur geplant, um zu zeigen, dass Ungarn zu Europa gehört.

Wann wurde Ihnen damals klar, dass dieser 19. August 1989 in die Geschichte eingehen würde?

Wenn man mitten in einem historischen Ereignis steckt, dann ist man nicht in der Lage, die Tragweite zu erfassen. Im Augenblick des Picknicks habe ich mir gedacht: Fantastisch. Ich freue mich für jeden einzelnen, der rüberkommt. Ich habe gewusst, dass alle nur "rüber" wollten. Aber, dass wir damit Geschichte schreiben würden, das war mir nicht klar. Das war das Ende des Eisernen Vorhangs. Ich war ja selbst betroffen: Meine Mutter kommt aus Thüringen. Ihr Elternhaus konnte man von der Grenze aus sehen. Für mich war es immer irrsinnig, dass ich dieses Haus sehen konnte, aber nicht hinreisen durfte. Das war der Grund, warum ich den Eisernen Vorhang als vollkommen überaltert empfunden habe.

Gibt es eine Situation, die Sie bis heute nicht vergessen können?

Eine Mutter mit Kind gelignt die Flucht nach Öserreich (Foto: dpa Bildfunk, Votava)
Eine Mutter mit ihrem weinenden Kind nach der Massenflucht über Ungarn nach Österreich. Votava

Ich werde nie vergessen, als Menschen dort vor Freude geweint haben.  Als junger Mensch verbindet man Weinen nur mit Trauer oder Schmerz. Aber dass Menschen vor Freude weinen, weil sich politisch gerade etwas zu ihren Gunsten verändert und sie diesem grausamen politischen System entfliehen konnte, das werde ich nie vergessen. Was mich auch beeindruckt hat war, dass die DDR-Bürger ihre Autos zurückgelassen haben. Ich wusste, wie schwierig es damals war, ein Auto zu bekommen. Und wer fünf Jahre auf ein Auto wartet und es dann stehen lässt, das hat mich beeindruckt.

Sie halten bis heute Vorträge über die politischen Verhältnisse 1989 und den Mauerfall. Heute sind 30 Jahre vergangen. Hat sich Ihr Blick auf das, was passiert ist verändert?

Nein! Ich bin nach wie vor gegen totalitäre Systeme und ich finde es nach wie vor falsch, Menschen einzusperren.

So ging es damals weiter …

Knapp vier Wochen nach dem "Paneuropäischen Picknick" fällt am 11. September der Eiserne Vorhang. Ungarn öffnet seine Grenze nach Österreich. Tausenden DDR-Bürgern gelingt die Flucht in den Westen.

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