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80 Jahre Reichspogromnacht - Michel Friedman im Interview "Geistige Brandstiftung ist alltäglich geworden"

80 Jahre ist es her, dass in Deutschland Nationalsozialisten Synagogen angezündet und jüdische Läden geplündert haben. Hat sich seitdem in der Gesellschaft Grundlegendes geändert? Publizist und Fernsehmoderator Michel Friedman bezweifelt es im Gespräch mit SWR1.

Herr Friedman, wenn Sie im Jahr 2018 Bilder von Menschen sehen, die auf der Straße schreien "Wer Deutschland liebt, ist Antisemit", was geht da in Ihnen vor?

Wenn man 80 Jahre Geschichte vor Augen hat, muss man zunächst feststellen, dass es keinen Tag in Deutschland gab, an dem es keine Nationalsozialisten gab. Weiterhin muss man feststellen, dass die Pogromnacht eigentlich die Generalprobe der Nazis gewesen ist. Mit der Überschrift "Wehret den Anfängen", die dann nicht mehr anwendbar war. Man war mittendrin.

Spätestens als es in allen Städten und Dörfern, auch in Rheinland-Pfalz, Synagogenbrände gab und Millionen von Menschen einfach dagestanden und zugesehen haben, war die Verstrickung endgültig. Daher müssen wir uns heute fragen, ab wann beginnt die Gewalt gegen Menschen? Spätestens mit dem Einzug einer menschenfeindlichen Partei wie der AfD in den Bundestag muss uns bewusst werden, dass wir bereits mittendrin sind. Daher sollte keiner sagen, er wüsste nicht, was heute passiert.

Fast die gesamte Familie von Publizist und Fernsehmoderator Michel Friedman wurde von den Nationalsozialisten umgebracht. Nur seine Eltern und die Großmutter konnten mit der Hilfe von Oskar Schindler dem Holocaust entkommen.

Sie waren zu Gast in einer Gesprächsrunde hier im Mainzer Staatstheater, der Titel der Veranstaltung war "Wehret den Anfängen" - und Sie sagen, wir sind bereits wieder über diese Anfänge hinaus?

Natürlich. Dazu reichen ein paar Stichworte. NSU - AfD - Pegida. Die Tatsache, dass wir in verschiedenen Ortschaften Angst haben. Im Internet kursiert Hass gegen Menschengruppen, der täglich zu lesen ist. Die Verachtung in der Sprache, mit der wir mittlerweile über Minderheiten reden. Die geistige Brandstiftung ist alltäglich geworden. Reden wir von Anfängen, dann muss uns bewusst sein, dass die Wölfe im Schafspelz ihren falschen Pelz schon längst abgelegt haben.

Man fragt sich, wie kommen Menschen immer wieder zu solchen Einstellungen. Jeder hatte das Fach Geschichte in der Schule, jeder weiß was in Deutschland vor 80 Jahren passiert ist - und trotzdem scheinen viele nicht daraus zu lernen. Warum?

Wissen ist nicht verstehen. Es stimmt nicht, dass wir so informiert sind. Alle wissenschaftlichen Umfragen der letzten Jahre haben deutlich gemacht, dass nur noch die Minderheit weiß, was Auschwitz ist. Kinder werden nicht als Judenhasser geboren, Kinder werden auch nicht als Islamhasser geboren. Das Ziel des Hasses liegt nicht in den Genen, sondern es ist immer auch das Ergebnis von älteren Menschen, den Eltern, den Lehrern, dem Umfeld und hier muss man deutlich den Finger in die Wunde legen: Ist Rassismus und Ausgrenzung in unserer Gesellschaft legitimiert oder legalisiert?

Michel Friedman, deutscher Rechtsanwalt, Politiker (CDU), Kolumnist und Fernsehmoderator

Michel Friedman

Wenn wir in andere Länder schauen, ob Ungarn, Polen, oder nach Amerika, dann bekommen wir das Gefühl vermittelt, es ist in Ordnung, über Mexikaner oder Frauen herzuziehen. Immerhin macht das ein gewählter amerikanischer Präsident ja auch. Die AfD tritt wie alle anderen Parteien im Bundestag auf und verspritzt dort ihr Gift. Es kann ja nicht so schlimm sein. Ich kann deswegen nur davor warnen, die Situation zu unterschätzen.

Ein während der Reichspogromnacht zerstörtes Schaufenster mit geplünderten Auslagen, davor drei Passanten, schwarzweiß

80. Jahrestag der Reichspogromnacht

Als in Rheinhessen die Synagogen brannten

Vor 80 Jahren setzten die Nationalsozialisten Synagogen in Brand und trieben Juden durch die Straßen - auch in Mainz und Guntersblum. Was genau passierte im November 1938 im heutigen Rheinland-Pfalz?