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Videokonferenzen, Apps, Lernplattformen, Emails, Arbeitsblätter: Für viele Schüler und Eltern fühlt sich das Arbeiten von ZuHause eher wie ein Job im Büro an. Ein Erfahrungsbericht von SWR1 Redakteurin Tina Siekmann, die auch als Nachhilfelehrerin für Kinder von befreundeten Familien tätig ist.

Viele Eltern sind mit ihren Nerven inzwischen ziemlich am Ende und auch unsere Kollegin ist schon ein paarmal an den Hausaufgaben ihrer Schützlinge gescheitert:

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Unüberwindbare Physik

Physik-Hausaufgaben, 6. Klasse, Realschule plus. Es ging um einen Versuchsaufbau: Newton und eine Umrechnung. Mich hat es überfordert!  

Ich kann mich an meinen Physikunterricht kaum noch erinnern und ich hätte mich erst einarbeiten müssen. So geht es sicherlich vielen Eltern. Ob Physik, Mathe oder Englisch: Wenn Eltern nicht im Thema sind, dann haben die Kinder schlechte Karten.

Fehlende Technik

Ganz schlecht sieht es auch aus, wenn im Haushalt kein Computer, Laptop oder Tablet vorhanden ist, sondern nur ein Smartphone, oder wenn es am schnellen Internet-Zugang fehlt. Dann sind Kinder noch schneller abgehängt.

Das betrifft die Kinder aus ärmeren Familien genauso wie Kinder aus nicht-deutschen Familien. Das Thema ist übrigens inzwischen auch bei unserer Rechtsprechung angekommen. Es gibt Sozialgerichtsurteile, nach denen die Jobcenter Kindern und Jugendlichen mit Hartz-4-Bezug unter Umständen einen Laptop oder ein Tablet zumindest teilfinanzieren müssten. Müssten deshalb, weil sie es nicht tun.

Homeschooling mit dem Handy

"Es ist ein Riesenstress für Kinder und Eltern". 

Tina Siekmann

Ja, auch mit einem Smartphone kann man die Mails aus der Schule lesen. Aber versuchen Sie zum Beispiel eine Excel-Tabelle auf diesem Gerät zu öffnen und dann zu bearbeiten oder auszudrucken. Das kann nicht funktionieren. Oder die Videokonferenz mit der Lehrerin, die aus technischen Gründen auf dem mobilen Telefon mal wieder nicht läuft. Ganz viele Familien haben auch keinen Drucker, um die per Mail zugeschickten Arbeitsblätter ausdrucken zu können.

Sprachbarrieren

Ein syrisches Mädchen nimmt in einem Raum der Evangelischen Kirchengemeinde Jugenheim an einem Nachhilfe-Projekt der Initiative „Willkommen im Dorf“ teil. (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Nachhilfe für ein syrisches Mädchen (Symbolbild) Picture Alliance

Ich denke zum Beispiel an die 6-jährige Tochter von syrischen Freunden. Sie geht in die erste Klasse und soll Versuche mit Licht machen. Auf den Arbeitsblättern steht ganz genau drauf, was sie braucht und wie sie die Versuche aufzubauen hat. Dazu kommen noch diverse Aufgaben. In diesem Fall sind Eltern und Kind damit sprachlich völlig überfordert. Diese Kinder, die nicht aus deutschsprachigen Familien kommen, sind doppelt benachteiligt. 

Für die Eltern ist diese Situation sehr schwierig: Sie wollen die Kinder unterstützen und können es nicht.

Erfahrungen der Elternvertreter

Auf Nachfrage bekomme ich vom Bundeselternrat dieselben Rückmeldungen. Es ist überall enorm schwierig. Das Hauptproblem ist die völlige Planlosigkeit in allem, was mit Digitalisierung zu tun hat. Jede Schule macht was sie kann. Aber es gibt kein übergeordnetes technisches oder pädagogisches Konzept. Das ist das eine. Und viele Eltern beschweren sich darüber, dass manche Lehrer überhaupt keine Rückmeldungen bei Hausaufgaben geben und im Extremfall über Tage völlig abgetaucht sind.

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Fernunterricht soll auch nach den Sommerferien an rheinland-pfälzischen Schulen stattfinden. So hatte es Kultusministerin Hubig Ende April angekündigt. Doch viele Familien verfügen nicht mal über ein Endgerät oder Internetzugang.  mehr...

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