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Eines der Tabuthemen, über die nicht gerne gesprochen wird, ist "Inkontinenz". Die meisten Betroffenen schämen sich oft darüber zu sprechen. Dr. Rainer Lange ist Gynäkologe hat das Buch "Pipilogie” geschrieben und unsere Fragen beantwortet.

Inkontinenz (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
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SWR1: Ihnen hat sich eine Patientin mal vorgestellt mit den Worten "Ich bin ein Auslaufmodell." So ein humorvoller Umgang mit Inkontinenz ist eher Ausnahme, oder? 

Rainer Lange: Das ist die absolute Ausnahme. Inkontinenz, die etwa 15 Prozent aller Frauen über 35 Jahre betrifft, ist mit einer Sprachlosigkeit belegt und gilt nicht als Krankheit, sondern als Versagen. Wir sind alle inkontinent auf die Welt gekommen und haben mühsam gelernt, trocken zu werden. Wenn wir jetzt wieder in die Hose machen, ist es erstmal ein Versagen. Ärzte reden nicht gern darüber, weil Frauenärzte in Deutschland - bezüglich der konservativen Therapie - in ihrer Facharztweiterbildung davon praktisch nichts mitbekommen. Und die öffentlichen Medien greifen dieses Schmuddel-Thema auch nicht gerne auf. Insofern bin ich sehr froh, dass es der Südwestrundfunk jetzt mal aufgegriffen hat. 

SWR1: Was ist denn die Ursache für Harninkontinenz?

Lange: Es gibt verschiedene Formen der Harninkontinenz. Bei der Frau ist die Häufigste die Belastungsinkontinenz. Daneben gibt es noch die Dranginkontinenz, auch überaktive Blase oder Reizblase genannt. Die Belastungsinkontinenz kommt meistens durch Veränderung in der Schwangerschaft und unter der Geburt am Beckenboden. Bei der Dranginkontinenz wussten wir das bis vor einiger Zeit noch nicht so richtig. Inzwischen wissen wir aber, dass wenn es zu einer Belastungsinkontinenz gekommen ist, es sehr häufig eben auch zu einer Dranginkontinenz kommt. Das heißt, wenn der mechanische Verschluss am Beckenboden nicht mehr so richtig funktioniert, verlernen wir mit der Zeit auch einfach die Fähigkeit die Blase zu kontrollieren.

SWR1: Wie äußert sich letztlich Inkontinenz bzw. wann sprechen Sie als Arzt davon?

Lange: Dann, wenn Sie zum Beispiel nach der Geburt plötzlich Husten oder Niesen und merken, dass es unten feucht wird. Oder wenn Sie nicht mehr Seilspringen, auf das Trampolin gehen oder Zumba tanzen können – also alles, was den Druck im Bauchraum erhöht. Schlimm wird es meistens erst, wenn der Harndrang dazu kommt, das kann relativ früh oder aber auch erst nach ein paar Jahrzehnten sein. Dann sucht man häufig den Arzt auf, wenn man dauernd Harndrang hat und nur noch überlegt, wo die nächste Toilette ist. Aber dann sind meistens sehr viele Jahre verstrichen, in denen man konservativ hätte sehr gut behandeln können.

SWR1: Lässt sich Inkontinenz heilen? 

Lange: Ja, absolut. Das gilt für die Belastungsinkontinenz. Wenn wir sie sofort behandeln, lässt sie sich konservativ in 90 Prozent der Fälle behandeln. Es kommt auch zu Rückbildungsprozessen im Körper, die kann man zum Beispiel mit Pessaren unterstützen. Das ist im Prinzip sowas wie ein Tampon, bloß nicht aus Watte, sondern aus Silikon. Wenn es schlimm ist, kann man auch operieren. Da haben wir inzwischen Heilungsraten von 80 bis 90 Prozent.

Rainer Lange - "Pipilogie für Praktiker", ISBN-10 : 3000430938 (Foto:  Dr. med. Rainer Lange)
Rainer Lange - "Pipilogie für Praktiker", ISBN-10 : 3000430938 Dr. med. Rainer Lange

Die Inkontinenz lässt sich gut behandeln, aber wie bei allen chronischen Erkrankungen gilt: Je früher man es behandelt, desto einfacher ist es und desto besser sind die Erfolgschancen.

SWR1: Wäre regelmäßiges Beckenbodentraining oder Physiotherapie auch eine Möglichkeit?

Lange: Ich bin ein sehr großer Freund von Beckenbodengymnastik, aber in dem speziellen Fall direkt nach der Geburt greift das zu kurz. Ich kann damit zwar die Schlaffheit der Bänder ausgleichen, aber nur bis zu einem gewissen Grad. Beim überdehnten Band muss ich eins machen: Ich muss schauen, dass es sich wieder verkürzt. Und hier ist es wesentlich effektiver mit einem Pessar alles in die alte Position zurückzubringen, damit das Band wieder die Chance hat, sich zu verkürzen. Natürlich ist die Beckenbodengymnastik zusätzlich immer gut, aber alleine hilft sie in den meisten Fällen nicht. Wir machen zurzeit in Rheinland-Pfalz eine große Studie darüber und da konnte wirklich gezeigt werden, dass wir mit den Pessaren direkt nach der Geburt eine Heilungsrate von ungefähr 80 bis 90 Prozent haben, während sie mit der Beckenbodengymnastik bei etwa 20 bis 30 Prozent liegt.

SWR1: Kann man denn Inkontinenz irgendwie vorbeugen?

Lange: Wir wissen, dass eine gute Beckenbodengymnastik vor der Geburt die Inkontinenz zu einem gewissen Grad etwas verhindern kann, aber eine richtig große Vorbeugung haben wir nicht. Wir können nach der Geburt sehr viel tun, indem wir die normalen Rückbildungsprozesse unterstützen. Damit können wir sehr vielen Frauen helfen, die nach der Geburt inkontinent geworden sind.

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