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Trotz der umfangreichen Corona-Maßnahmen dürfen Profifußballer den Ball weiterhin übers Feld kicken. Der ehemalige Nationalspieler Philipp Lahm erzählt im SWR1 Interview, was er davon hält und wie sein Verhältnis zu Jogi Löw ist.

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SWR1: Ihr neues Buch heißt "Das Spiel: Die Welt des Fußballs" und erscheint in einer Zeit, in der auch der Fußball ganz anders ist als normalerweise. Wie erleben Sie denn diese Welt des Fußballs gerade?

Philipp Lahm: Wenn man nur auf das Spiel schaut, finde ich, ist es eigentlich ziemlich normal. Aber die Welt, in der der Fußball gerade gespielt wird, ist natürlich nicht normal. Wenn es jedoch rein um das Spiel, nur um den Fußball geht, sehe ich keinen Unterschied zu sonst. Aber was natürlich enorm fehlt, ist Atmosphäre.

SWR1: Es fühlt sich schon komisch an, wenn man so ein Spiel in einem leeren Stadion verfolgt. Man hört plötzlich, wie gegen den Ball getreten wird oder Spieler sich etwas zurufen. Das ist ja wie auf einem Dorfplatz.

Lahm: Ja, es ist ganz ungewohnt. Von der Qualität des Spiels ist es derzeit absolut in Ordnung, aber das Drumherum fehlt. Und das ist ja eben das, was den Fußball auszeichnet: dass Leute im Stadion zusammenkommen und etwas gemeinsam erleben. Wir können aber auch noch weitergehen: Wenn man zum Beispiel an den Amateurfußball denkt, wo der Ball seit geraumer Zeit bereits ruht, da geht einfach etwas verloren.

Cover: Philipp Lahm - Das Spiel (Foto: Verlag C.H.Beck oHG, München)
Das Buch "Das Spiel" von Philipp Lahm ist im Verlag C.H. Beck erschienen und kostet 19,95 Euro. Verlag C.H.Beck oHG, München

SWR1: Haben die Spieler es von Anfang an geschafft, trotz des leeren Stadions und der fehlenden Atmosphäre so wie immer zu spielen?

Lahm: Ich denke, dass sie am Anfang schon gebraucht haben, um die neuen Gegebenheiten anzunehmen. Aber dann haben sie es sehr gut hinbekommen, dass die Qualität des Spiels nicht wirklich darunter leidet. Ich habe mich aber auch mit ein paar Spielern unterhalten und sie sehnen sich natürlich auch herbei, dass Spiele endlich wieder vor Zuschauern stattfinden können.

SWR1: Die Diskussionen um Profifußball und Corona sind hitzig. Ganz vorne dabei sind Bayern-Trainer Hansi Flick und SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, die sich einen öffentlichen Schlagabtausch liefern. Da geht es um die Frage, ob Profifußballer im Moment für Spiele durch die Welt fliegen sollten oder nicht. Wie sehen Sie das?

Lahm: Ich weiß nicht, ob das die richtige Frage ist. Vorneweg finde ich, dass die Bundesliga gezeigt hat, dass sie es durch ein erstklassiges Hygienekonzept hinbekommen kann. Sie hat bewiesen, dass es möglich ist zu spielen. Dass man nicht unbedingt reisen sollte, ist, glaube ich, allen bewusst. Auf der anderen Seite muss man auch ganz klar sagen, dass es Profifußball ist. Der FC Bayern hat bei diesem Turnier Deutschland und auch Europa vertreten. Ich bin da auch ein bisschen zwiegespalten. Aber es ist Profifußball, und wenn das Hygienekonzept gut ist, die Vorschriften eingehalten werden, dann finde ich, kann man das schon machen.

Philipp Lahm (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Christian Charisius)
Christian Charisius

SWR1: Aber es gibt ja viele Profis in allen möglichen Berufen, die zurzeit ihren Profi nicht ausleben können. Fußball ist ja auch nicht unbedingt systemrelevant.

Lahm: Da gebe ich Ihnen absolut recht. Ich glaube, es war entscheidend, dass es früh ein Hygienekonzept gegeben hat. Natürlich kann sich der Fußball das auch leisten. Im Gegensatz zu manch anderen Sportarten ist auch der Vorteil, dass an der freien Luft gespielt wird. Ich denke auch nicht nur an andere Sportarten, sondern ebenfalls an den Amateurfußball, an den Amateursport, der ruhen muss. Das ist, glaube ich, viel dramatischer. Aber wir leben alle aktuell in einer absoluten Ausnahmesituation und die Gesundheit aller geht in erster Linie vor. Ich versteh, wenn viele Leute dann auch dem Profifußball kritisch gegenüberstehen.

SWR1: Sie haben mal gesagt, Profifußballer würden aktuell durch die Talentförderung sehr schnell zu Egoisten werden und das, obwohl Fußball ja ein Mannschaftssport ist. Würden Sie Kindern heute noch raten, Profifußballer zu werden?

Lahm: Ich würde in erster Linie Kindern raten, mit dem Fußballspielen anzufangen. Ich habe das als Kind selbst erlebt, wie viel Freude, wie viel Spaß ich dabei hatte. Wie ich gelernt habe, was es bedeutet, Gemeinschaft in einem Verein zu erleben. Ich lernte aber auch die Regeln, Fairplay, zusammen gewinnen und auch verlieren, Respekt gegenüber den Gegner, den Mitspielern, den Trainern und auch den Schiedsrichtern. Man bewegt sich auch an der frischen Luft. Also ich finde, das sind in erster Linie großartige Eigenschaften.

SWR1: Schauen wir mal auf die Nationalmannschaft, in der Sie sehr lange gespielt haben. Vor zwei Jahren haben Sie in einem offenen Brief geschrieben, Bundestrainer Joachim Löw müsse seinen Führungsstil ändern. Löw steht ja schon länger in der Kritik, weil Erfolge ausbleiben. Wie ist denn aktuell Ihr Verhältnis?

Lahm: Ich habe immer ein gutes Verhältnis zu Jogi Löw gehabt und habe es immer noch. Wir hatten gemeinsam eine unglaublich erfolgreiche sportliche Zeit. Er war ein super Trainer. Es hat mit ihm Spaß gemacht und das Highlight war natürlich der WM-Titel. Der Kontakt zu ihm ist noch da und wird nicht abbrechen, denke ich.

SWR1: Sie organisieren als Geschäftsführer die Europameisterschaft 2024 in Deutschland. Ist Joachim Löw dann noch Bundestrainer?

Lahm: Nun, das wird man sehen. Solange geht sein Vertrag nicht. Es geht im Spitzensport auch immer um Erfolg und wenn der Erfolg da ist, spricht nichts dagegen. Aber man muss sich immer wieder aufs Neue beweisen. Das gilt für jeden einzelne Spieler wie auch für die Trainerteams. Aber ich hoffe natürlich als Turnierdirektor für die Euromeisterschaft 2024 und und auch für die in diesem Jahr stattfindende Europameisterschaft, wenn auch vier Spiele in München sein werden, dass wir da sehr, sehr erfolgreich sind und am besten natürlich den Titel gewinnen. Wir brauchen immer wieder ein solches Wir-Gefühl und das kann die Nationalmannschaft bei solchen Turnieren natürlich entfachen.

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