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Experten schätzen, dass durch das Coronavirus die häusliche Betreuung von bis zu 200.000 älteren Menschen in Deutschland zusammenbrechen könnte. Wenn osteuropäische Pflegekräfte fehlen.

Denn viele osteuropäische Betreuungskräfte verlassen nach Recherchen von "Report Mainz" derzeit Deutschland, weil sie Angst vor einer Coronainfektion haben. Wenige Osteuropäerinnen kämen als Ersatz nach. Auch Wartezeiten von bis zu 15 Stunden an der Grenze schreckten ab.

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Wir haben SWR1-Pflegeexperte Gottlob Schober gefragt, ob dieses System in der häuslichen Pflege, auf das zehntausende Familien setzen, zu kippen droht?

Gottlob Schober: Heute rächt es sich, dass die Politik keine wirkliche Lösung für die häusliche Betreuung mit Osteuropäerinnen gefunden hat. Geschätzt 300.000 Menschen arbeiten in deutschen Haushalten, 90 Prozent davon schwarz. Und somit sind sie illegal in Deutschland. Dieses System ist über viele Jahre hinweg quasi toleriert worden. Wenn jetzt diese Schwarzarbeiterinnen, die keiner kontrollieren kann, nach Polen oder Rumänien zurückgehen und es keinen Ersatz gibt, dann stehen wir tatsächlich vor dem Kollaps.

Was wird dann aus den zu Hause betreuten Senioren - können unsere Pflegedienste und Krankenhäuser alle versorgen?

Schober: Es gibt zwei Möglichkeiten. Erstens: Die Angehörigen übernehmen die Betreuung - was viele aber gar nicht können. Zweitens: Die pflegebedürftigen Senioren kommen in Pflegeheime oder Krankenhäuser. In Zeiten von Corona stehen diese aber auch vor einem Kollaps. Das wird also nicht gehen. Wir haben also ein Problem, für das wir im Moment nur wenige Lösungen haben.

Wie kann man das schnell und unbürokratisch lösen, damit diese Pflegekräfte ihre Arbeit weiter machen können?

Schober: Man muss diese Menschen anerkennen. Ein Pflege-Forscher hat mir gesagt, dass diese Osteuropäerinnen in Deutschland systemrelevant sind. Das heißt, man braucht sie, um das System am Laufen zu halten. Also muss man praktikable Lösungen finden, wie man diese Menschen legal über die Grenze nach Deutschland bekommt. Man muss Regelungen für die Schwarzarbeiterinnen finden - was momentan nicht einfach ist. Und man muss auf ihre Gesundheit achten und sie nicht mehr in die kleinen Transporter stecken, die zwischen Polen und Deutschland hin- und herfahren. Dafür muss man individuelle Lösungen finden. Das ist eine ganz große Aufgabe, für die es momentan kaum Lösungen gibt. Die Politik muss intensiv darüber nachdenken, was zu tun ist.

Die Situation für die Angehörigen ist grauenhaft - wegen des Coronavirus können sie nicht zu den Senioren fahren, denen jetzt auch die Pflegekraft wegfällt ...

Schober: Ja, die Situation ist in Deutschland derzeit so, dass man sie nur halten kann, wenn man den Agenturen mehr Geld bezahlt und somit die Anreize für die Betreuungskräfte hochhält. Aber natürlich haben auch diese Angehörige in Polen, die sie nicht im Stich lassen wollen.

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