Ärztin Inka Aspacher im Gespräch zu Onlinesucht

Ist mein Kind zu viel im Netz?

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Seit Beginn der Corona-Pandemie geht fast nichts mehr ohne Onlinemedien. Durch Homeoffice und -schooling sitzen Kinder und Erwachsene permanent vor dem Bildschirm. Dadurch besteht jedoch Suchtgefahr.

Die früheren Abmachungen für die Handy- und Computerzeit gelten in vielen Familien mittlerweile nicht mehr. Erziehungsberechtigte drücken dann mal ein Auge zu und so summiert sich die Bildschrimzeit schnell auf ein paar Stunden. Hängt ein Kind nur noch vor der Kiste und macht fast nichts anderes mehr, sollten Eltern genauer hinsehen, erklärt Inka Aspacher. Sie ist Oberärztin in der Tagesklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Speyer.

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Wo hört normal auf und ab wann wird es krankhaft?

"Normal hört dann auf, wenn sich das ganze Leben der Kinder und Jugendlichen eigentlich nur noch um Medien dreht," ordnet Aspacher ein. Denken sie ständig nur noch an die digitalen Medien? Haben sie keine Kontrolle mehr darüber und können nicht mehr selbst einschätzen, wie lange sie schon im Netz sind? Verlieren sie das Interesse an früheren Hobbies? Das sind laut der Oberärztin klare Hinweise dafür, dass die Internetnutzung der Jugendlichen und Kinder nicht mehr in einem normalen Rahmen stattfindet.    

Wer ist davon betroffen?

"Es sind eher Kinder betroffen, die vielleicht vorher schon Schwierigkeiten hatten, Kontakte zu pflegen und eben weniger Freizeitaktivitäten hatten," sagt Oberärztin Aspacher. Für diese bestehe auch eine größere Gefahr, noch mehr in eine Suchtproblematik zu rutschen. Kinder und Jugendliche, die vor der Pandemie ein ausgeglichenes Freizeitleben, Freunde und Kontakte hatten, würden trotz der vermehrten Mediennutzung später auch eher wieder dahin zurückkehren können.

Mädchen spielt online an einem Handy (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)
Picture Alliance

Mädchen sind gefährdeter als Jungs

Häufig vermutet man, dass es andersherum ist: Doch Mädchen sind laut Aspacher häufiger von Onlinesucht betroffen als Jungen. Dabei kämen die Mädchen auf eine Betroffenheit von ungefähr 7,1 und Jungen von 4,5 Prozent. Ein Unterschied bestehe auch darin, welche Medien genutzt werden. "Mädchen sind eher in den sozialen Netzwerken oder in Rollenspielen im Internet unterwegs," weiß die Oberärztin. "Jungen sind wahrscheinlich mehr in Internetspielen aktiv."

Anzeichen für eine Internetsucht

Es gibt ganz deutliche Zeichen für eine Onlinesucht, erklärt die Expertin. Beispielsweise, wenn die Kinder sich tagein und tagaus in ihre Zimmer zurückziehen, auch nachts online sind und tagsüber schlafen. Betroffene seien kaum ansprechbar und würden nicht mehr an den regelmäßigen Mahlzeiten teilnehmen. Manche würden auch ihre Körperhygiene vernachlässigen, erklärt Aspacher.

Wie kann man einer Onlinesucht vorbeugen?

Von Anfang an sind Eltern in der Alltagsgestaltung der Kinder auch ein Vorbild, wenn es um die Internet- und Mediennutzung geht. "Aus meiner Sicht ist es wichtig, dass Eltern das wirklich auch engmaschig begleiten. Was nutzt mein Kind? Wie lange nutzt mein Kind das?",so die Oberärztin. Es sei wichtig, dass es trotz der Corona-Ausnahmesituation Regeln gebe und dass die Erziehungsberechtigten auch wirklich darauf achteten, dass diese eingehalten würden. Man müsse jedoch darauf achten, dass es altersentsprechende Nutzungszeiten gibt. Nähere Informationen und Vorschläge für solche Nutzungszeiten finde man auch sehr gut auf Webseiten. Es sollte jedoch klar sein, dass solche Netzvorschläge nicht hundertprozentig und immer eins zu eins umsetzbar sind. "Aber es ist sehr wichtig, dass Eltern da wach sind und hinschauen."

Was tun, wenn es deutliche Anzeichen für eine Onlinesucht gibt?

Laut Expertin Aspacher ist eine offene Kommunikation innerhalb der Familie wichtig: "Ich würde das auf alle Fälle unbedingt immer ansprechen und mit dem Kind schauen: Finden wir in der Familie Lösungsmöglichkeiten?" In dem Moment, wo man als Familie jedoch keine eigene Lösung findet und die Gespräche ins Leere laufen, kann man auf viele, unterschiedliche Hilfsangebote zurückgreifen. "Man kann zur Erziehungsberatungsstelle, zu den Suchtberatungsstellen gehen oder wenn die Familien merken, es gibt vielleicht darüber hinausgehende psychische Probleme, dann wenden Sie sich an Kinder- und Jugendpsychiater oder Psychotherapeuten." Es gebe eine Bandbreite von Hilfsmöglichkeiten, wichtig sei jedoch, dass die Eltern selbst aktiv werden und sich auf den Weg machen, um sich Unterstützung zu holen.

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