STAND

Es ist die große Hoffnung für die ganze Welt: Die Mainzer Firma Biontech hat in den USA die Notzulassung für ihren mit dem Unternehmen Pfizer zusammen entwickelten Impfstoff beantragt. Die Virologin Anahita Fathi erklärt, wie sicher das ist.

Dr. Anahita Fathi vom renommierten Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf ist selbst Impfstoff-Forscherin und testet gerade den Corona-Impfstoff von Biontech und Pfizer.

SWR1: Wie viel Hoffnung machen Ihnen die Ergebnisse?

Dr. Anahita Fathi: Wir testen den Biontech-Impfstoff an 67 Personen hier in Hamburg. Die Ergebnisse machen mir persönlich schon sehr große Hoffnung. Wir haben jetzt von fast 44.000 Probanden die Ergebnisse vorliegen, beziehungsweise zumindest die Zwischenmeldungen bekommen.

Audio herunterladen (2,9 MB | MP3)

SWR1: Notzulassung. Das klingt ein bisschen nach überhastet und noch nicht ganz ausgereift. Wie sicher ist eine Notzulassung?

Fathi: Eine Notzulassung ist ein spezielles Programm der FDA in den USA (Food and Drug Administration. Behördliche Lebensmittelüberwachung und die Arzneimittelbehörde der Vereinigten Staaten), also der Zulassungsbehörde. Dort kann man in bestimmten Situationen - wenn es keine Therapie gibt oder keine Prävention für einen Notfall, wie zum Beispiel jetzt die Corona-Pandemie - diese Zulassung beantragen. Man muss da dann zeigen, dass die Wirksamkeit sehr wahrscheinlich ist. Man muss aber keine Langzeitdaten über die Wirksamkeit des Impfstoffs vorlegen. Das geht in diesem Fall ja auch gar nicht. Die Sicherheit muss aber nachgewiesen werden. Deswegen ist die Notzulassung sicher. Es wird dann weiter geschaut, wie gut der Impfstoff langfristig wirkt.

SWR1: Normalerweise dauert eine Impfstoffentwicklung Jahre. Macht Ihnen diese Hau-Ruck-Aktion jetzt Sorgen?

Fathi: Nein, es macht mir keine Sorgen. Es ist auch so, dass die Schritte, die jetzt schneller gehen, größtenteils administrative Schritte sind oder in der Produktion liegen. Also, dass der Impfstoff schon produziert wird, bevor die vorherige Phase der Testung überhaupt abgeschlossen ist. In Europa ist es so, dass die EMA (Europäische Arzneimittel-Agentur , gewährleistet die wissenschaftliche Evaluierung, Überwachung und Sicherheitsüberprüfung von Human- und Tierarzneimitteln in der EU) ein Zulassungsverfahren hat,  für das man schon Dokumente einreichen kann, bevor man alles zusammen hat. Aber da wird dann auch ganz genauso auf die Sicherheit geachtet, wie bei einer regulären Zulassung.

SWR1: Speziell Impfgegner sind alarmiert, weil bei dem Biontech-Verfahren genetische Virus-Informationen in den Körper eingeschleust werden. Sie haben Angst vor genetischen Veränderungen – zu Recht?

Fathi: Nein. Es wird ja häufiger befürchtet, dass der Impfstoff quasi die Gene der Menschen verändert. So ist es nicht. Es ist so, dass sich Viren generell so vermehren, indem sie ihr genetisches Material in unsere Zellen einschleusen und das wird dann von unserem Zellapparat abgelesen. Es ist also quasi ein Verfahren, das in der Natur ganz häufig vorkommt. Bei diesem Biontech-Impfstoff ist es so, dass die Information eines bestimmten Proteins des Virus quasi vorgegeben wird. Das wird dann von unseren Zellen abgelesen und an die Zelloberfläche gebracht, sodass dann unser Immunsystem das erkennen und bekämpfen kann.

SWR1: Wie groß ist die Gefahr, dass auf den letzten Metern noch irgendetwas schief geht und unerwartete Nebenwirkungen auftauchen?

Fathi: Es gibt jetzt schon wirklich gute Erfahrungen mit dem Impfstoff. Wie gesagt, es gibt eine sehr große Probandenzahl, die für diese kurze Zeit wirklich beeindruckend ist. Zu den Nebenwirkungen muss man wissen: Man macht sich immer vorher Gedanken, bevor man einen Impfstoff testet, was auftreten kann und was aahrscheinlich ist. Und in den allermeisten Fällen treten dieser Nebenwirkungen kurz nach der Impfung auf. Die Notzulassung in den USA für den Biontech-Impfstoff konnte auch nur beantragt werden, weil mindestens zwei Monate im Median die Probanden nachverfolgbar waren. Das heißt, es gibt jetzt schon zwei Monate Daten zur Sicherheit, was sehr gut ist.

SWR1: Wie lange wird es dauern, bis der Impfstoff für alle Rheinland-Pfälzer bereitsteht?

Fathi: Das wird noch eine Weile dauern. Es wird jetzt auch schon auf Hochtouren produziert. Aber es ist natürlich die ganze Welt, die diesen Impfstoff haben möchte. Und man braucht auch zwei Dosen, um dann den vollen Impfschutz zu haben. Ich denke, wir sprechen da schon über mehrere Monate.

Impfstoff gegen Coronavirus Biontech und Pfizer reichen Antrag auf Notfallzulassung ein

Das Mainzer Unternehmen Biontech und sein Partner Pfizer haben formell bei den US-Behörden eine Notfallzulassung für ihren Corona-Impfstoff beantragt. Laut Biontech könnten noch dieses Jahr bis zu 50 Millionen Impfstoffdosen produziert werden.  mehr...

SWR Aktuell Rheinland-Pfalz SWR Fernsehen RP

Wege aus der Pandemie Wie sicher ist eine schnelle Zulassung für einen Corona-Impfstoff?

Biontech/Pfizer haben in Großbritannien, den USA, Kanada und weiteren Ländern eine Notfallzulassung für ihren Corona-Impfstoff bekommen. Die Entscheidung für Europa steht noch aus.  mehr...

Medizin Coronavirus: So sicher ist ein Impfstoff mit Notfallzulassung

Biontech und Moderna wollen in den USA eine umfassende Notfallzulassung für ihren Corona-Impfstoffes beantragen. So könnte der Impfstoff eingesetzt werden, obwohl längere Studien zur Sicherheit und Wirkung noch fehlen. Wie sicher kann ein Impfstoff mit Notfallzulassung sein?  mehr...

SWR2 Impuls SWR2

Notzulassung in Sicht Biontech Corona-Impfstoff offenbar sehr wirksam

Biontech und Pfizer haben bekannt gegeben, dass ihr Corona-Impfstoff eine Wirksamkeit von über 90 Prozent erreicht. Eine Notfallzulassung in den USA ist noch im November geplant.  mehr...

STAND
AUTOR/IN