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Hunderttausende demonstrieren weltweit auf den Straßen. Die Ermordung von Georg Floyd in den USA durch Polizeigewalt hat die Welt aufgerüttelt und das Thema Rassismus steht im Fokus wie nie. Die promovierte Soziologin Nkechi Madubuko hat sich unter anderem mit Rassismus-Erfahrungen von Kindern und Jugendlichen beschäftigt. 

Nkechi Madubuko (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Nkechi Madubuko Picture Alliance

SWR1: Wie äußert sich Rassismus für dunkelhäutige Kinder in deutschen Schulen und Kitas im Alltag? 

Nkechi Madubuko: Wir haben in Deutschland schwarze Kinder, die erleben, dass in ihrem Beisein im Biologieunterricht gesagt wird "Afrikaner haben kleinere Gehirne". Wir haben Kinder, die im Spiel ausgeschlossen werden wegen ihrer Hautfarbe. Kinder und Jugendliche werden auf dem Weg zur Schule von Mitschülern verprügelt. Das N-Wort wird auch immer wieder genannt oder sie werden als "schwarze Kacke" bezeichnet. Und es ist immer wieder so, dass Lehrpersonal oder Erzieher in solchen Fällen nicht reagieren. Es gibt ganz viele Beispiele von Fällen, die unkommentiert bleiben oder verharmlost werden.

SWR1: Es gibt den Rassismus, den wir alle sofort bemerken. Es gibt aber auch eher versteckten Alltagsrassismus. Wie sieht der aus?

Madubuko: Rassismus hat viele Gesichter. Wenn so etwas wie in Hanau oder wie mit George Floyd passiert, dann gibt es immer wieder den Versuch, Rassismus in ein rechtsextremes Lager zu schieben. Aber tatsächlich ist es so, dass der Bäcker von nebenan, die Erzieherinnen oder auch der eigene Klassenlehrer unter Umständen genau derjenige ist, der rassistische Begriffe benutzt, abwertet und diskriminiert. Dann geht man vielleicht abends tanzen und kommt nicht in die Disco wegen der dunkleren Hautfarbe. Oder man sucht eine Wohnung und dann heißt es, jemand wie Sie wollen wir hier nicht haben. Das ist ein Kreislauf, der eigentlich alle Bereiche - Arbeitsfeld, Bildung bis hin zu täglichem Erleben - betrifft.

"Es ist ganz wichtig, dass man als Mitbürger einfach sagt - egal, ob man betroffen ist oder nicht - 'Ich will nicht in so einer Gesellschaft leben. Ich möchte das nicht.'"

Nkechi Madubuko

SWR1: Wie schlimm ist das Weggucken - oder wie weh tut das auch?

Madubuko: Weggucken ist ein ganz wichtiger Nährboden von Rassismus. Das ist eine ganz wichtige Botschaft für alle, die nicht betroffen sind. Für alle, die jetzt auf Demos gehen und sagen, wir wollen in unserer Gesellschaft keinen Rassismus haben: Das ist die Aufgabe, die eigene privilegierten Situation dazu zu nutzen, sich klar zu positionieren, wann immer man es mitbekommt und sich auch zu trauen zu sagen: "Sorry, der Satz geht gar nicht. Können Sie das mal bitte unterlassen? Dieser Satz war gerade rassistisch und abwertend". Man hat oft mit Situationen zu tun, wo es Kollegen und Freunde sind. Es ist extrem wichtig, wenn man Rassismus bekämpfen will, dass man lernt, den Mund aufzumachen und zu sagen: "Das will ich nicht haben. Da möchte ich nicht dazugehören."

Demonstrationen gegen Rassismus finden an vielen Orten in Deutschland statt. (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Demonstrationen gegen Rassismus finden an vielen Orten in Deutschland statt. Picture Alliance

SWR1: Jetzt sind gerade viele Menschen auf der Straße. Wird sich durch George Floyd und die Proteste langfristig etwas ändern?

Madubuko: Ich hoffe es sehr, gerade weil es so viele Menschen mobilisiert hat. Und es freut mich ungemein, dass es so ist. Es ist ganz wichtig, dass man als Mitbürger einfach sagt - egal, ob man betroffen ist oder nicht - "Ich will nicht in so einer Gesellschaft leben. Ich möchte das nicht." Und dass es vielleicht auch in der Politik ankommt. Ich würde es mir sehr wünschen.

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