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"Ruhe vor'm Sturm" heißt der neue Song von Wolfgang Niedeckens BAP. Er schlägt eine Brücke zwischen der NS-Zeit und rechtem Gedankengut - und erscheint heute, am 75. Jahrestag des Kriegsendes. Kein Zufall.

SWR1: "Ruhe vor'm Sturm" ist ein Song, der ganz klar vor Rechtspopulismus mahnen will. Gibt es da einen bestimmten Auslöser, wie die Anschläge von Hanau, für den Song?

Wolfgang Niedecken: Nein, den Song habe ich schon früher geschrieben - im November 2018. Das ist das erste Stück vom Album, das dann im September erscheinen wird. Alles, was in den Jahren vorher passiert ist - die Populisten, die nach und nach an die Macht kommen und die, die noch in den Startlöchern stehen, das, was Trump in Amerika macht - das sind alles Entwicklungen, die einen natürlich beängstigen können und wo man dann nur denkt: 'Wie soll das alles weitergehen?' Ich habe auch wirklich viele schlaflose Nächte gehabt. Ich habe mittlerweile Enkelkinder und möchte, dass das hier noch ein bisschen weiter geht und nicht einfach sagen: 'Macht was ihr wollt' - ich werde mich damit nicht abfinden.

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SWR1: Kritik an sozialen Medien, Fakenews und Politiker, die Stimmung gegen Minderheiten schüren - die Botschaft von "Ruhe vor'm Sturm" kommt mit dem Hammer. Ist das bei Ihnen Wut oder nur Sorge?

Niedecken: Das ist sowohl als auch. Musik handelt immer von Gefühlen. Erst wenn man sich mit dem Text beschäftigt, stellt man fest, wovon das Lied konkret handelt. Es geht immer um Gefühle - und Sie haben das gut erkannt - in diesem Fall um Wut und Sorge. Ich denke, als zivilisierter Mensch sollte man seine Wut irgendwie im Griff haben. Wenn man sich sorgt, dann kann man das auch vermitteln. Das kann ich sowohl meiner Familie vermitteln wie auch den Leuten, die uns womöglich zuhören. Ich glaube, dass man diese Sorgen auch bündeln kann. Das kann auch zu einem Ping-Pong-Effekt kommen, dass sich mehr Leute dafür interessieren. Da ist man auf einem guten Weg, auch wenn momentan durch die Corona-Krise erstmal alles hinten ansteht. Aber die Populisten und die Menschen, die unsere Demokratie kaputt machen wollen, sind ja dadurch nicht weg - sie lauern.

SWR1: Jeder, der Ihre Karriere kennt, weiß, dass Sie sich schon immer gegen rechtsnationale Gedanken engagieren. Der BAP-Song "Kristallnaach" von 1982 ist nur eines von ganz vielen Beispielen. Aber kann ein Lied heute etwas in den Köpfen verändern?

Niedecken: Heute genauso wie früher - oder genauso wenig wie früher. Das kommt immer ganz auf die Situation an. Ich glaube aber schon, dass wir da einen kleinen Teil beitragen können. Das ist wie ein Mosaik. Wenn keiner mehr wagt den Finger zu heben, dann resignieren womöglich zu viele.

Ich schreibe aber jetzt nicht nur Stücke gegen Rechts, sondern über alles, was mich so bewegt, beschäftigt und in meinem normalen Leben über den Weg läuft. Dinge, die mich womöglich nicht schlafen lassen oder auch Dinge, über die ich mich freue. Auf dem Album werden auch eine Menge Stücke sein, wo man feiern kann. Wenn man ein BAP-Konzert erlebt, dann geht es eigentlich durch alle Gefühlsebenen. "Ruhe vor'm Sturm" ist ein Stück, dass jetzt mal komplett in die andere Richtung geht.


Wir hatten mehr oder weniger durch einen Zufall, dass das Stück "Huh die Jläser, huh die Tasse" ausgekoppelt wurde, was wir gar nicht vor hatten. Das hat nur eben sehr gut zu dieser Aktion gepasst, wo Menschen um 19 Uhr an ihren Fenstern standen und den sogenannten Corona-Helden applaudiert haben. Da haben wir dann ein Video zu dem Stück gemacht. Die Leute konnten dann auch Fotos von ihren "Corona-Helden" schicken und die wurden dann in das Video eingearbeitet. "Ruhe vor'm Sturm" habe ich mit Sicherheit auch nicht geschrieben, um an den 75. Jahrestag des Kriegsendes zu gedenken. Irgendwann haben wir einfach gemerkt, es wäre ja passend, wenn wir das jetzt rausbringen.

SWR1: Im Videoclip zu dem neuen Song gibt es auch eine optische Verbindung zum Kriegsende. Was sind das für Gefühle, wenn Sie Ihre Heimatstadt Köln mit diesen alten Bildern und Filmaufnahmen total zerstört sehen?

Niedecken: Dieses Foto ist von Walter Dick, dass er 1946 aufgenommen hat, als er aus der Kriegsgefangenschaft gekommen ist. Das ist ein ikonografisches Foto, das bei mir im Arbeitszimmer hängt und ich sehe es jeden Tag. Das ist für mich sowas wie ein Memento Mori, das mich immer wieder daran erinnert: 'Leute, soweit darf es nicht mehr kommen.' Wenn ich diese Fotos sehe, kriege ich regelmäßig einen Hals. Dass es wirklich möglich gewesen ist, dass es zu so einer Entfaltung der Gewalt gekommen ist und dass man das auch noch zugelassen hat. Ich kann da nur mahnen: So weit darf es nicht wieder kommen!

Das Interview führte SWR1-Redakteur Dave Jörg.

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