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Che Guevara blickt von der Wand der WG-Küche herunter. Auf dem Tisch liegt eine zerfledderte Ausgabe des Manifestes von Karl Marx, und auf dem Plattenteller gegenüber drehen Ton, Steine, Scherben eine neue Runde.

Seit Anfang der 70er gehört die Band mit Rio Reiser zur Standart-Ausstattung der linksalternativen Szene. "Macht kaputt, was euch kaputt macht" skandieren die Scherben. Jahre später wird die Revolution auch diese Kinder fressen. Übrig bleiben Ideen, aus denen letztlich ein neuer König aufsteigt.

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Der Ton, Steine, Scherbenhaufen Rückblende

1984. Im Fernsehen gibt noch den Sendeschluss. Helmut Kohl ist Kanzler, und Paola und Kurt Felix moderieren "Verstehen Sie Spaß?!" Die Scherben stehen ihrerseits vor einem Scherbenhaufen. Es hapert ordentlich im Bandgefüge. Zum einen macht es zunehmend Mühe, den Kollektivgedanken innerhalb der Band aufrecht zu erhalten, das heißt jener Grundgedanke, bei dem die Musik durch eine gemeinsam erbrachte künstlerische Leistung entsteht. Der andere Punkt ist eher profan: Die Band ist nahezu pleite. Sie hat einen riesen Schuldenberg von mehreren Hunderttausend Mark angehäuft. Der muss weg und Reiser geht Klinkenputzen:

"Keiner wollte mir Geld geben. Keiner von diesen Millionären. Grönemeyer wollte es mir nur geben, wenn ich ihm die Verlagsrechte von den Scherben abtrete. Das nehme ich Leuten übel."

Rio Reiser

Er bittet auch Annette Humpe um Geld. Das bekommt er zwar nicht, dafür produziert sie mit ihm seine erste Single: "Dr. Sommer / B-Seite". Ein Vorzeichen, denn Humpe wird ein Jahr später auch Reisers Albumdebut zusammen mit Udo Arndt produzieren. Quasi dazwischen lösen sich Ton, Steine, Scherben auf. Die Band kann und will sich nicht an eine Plattenfirma binden. Damit würde sie ihre Ideale verraten. 1985 ist Schluss. Einvernehmlich. Die Musiker hinterlassen einen Schuldenberg. Und: Die DNA für Reisers erstes Solo-Album.

Das Erbgut für den König

Im musikalischen Nachlass der Scherben schlummern Demos mit unveröffentlichten Songs. Reiser hört sie sich an. Er beschließt, einige für sein Debut zu verwenden. Von Seiten seiner ehemaligen Bandkollegen geht das offenbar in Ordnung. Schließlich will Reiser mit den Albumeinnahmen auch den Schuldenberg der Scherben abtragen. Im Fundus der Band gibt es u.a. den Song "Alles Lüge", "Lass mich los" oder "König von Deutschland". Letzteren haben die Scherben seit Mitte der 70er im Live-Repertoire. Und: Er atmet bis heute den Hauch des Revoluzzers. Der Anarchist schwingt sich zum Monarchisten auf. Für Reiser kein Problem. In einem Interview sagt er:

"Ich meine, es ist ja nichts Falsches. […] Weil es mir im Augenblick erstmal darum geht, Geld zu verdienen. […] Aber wenn Leute grundsätzlich davon ausgehen, was erfolgreich und dementsprechend auch kommerziell ist, auch gleichzeitig schlecht sein muss – da kann ich nur sagen, da sollen sie nochmal nachdenken...”

Rio Reiser

Als weiteren Song aus dem Umfeld der Scherben kommt "Junimond". Den Song schreibt Reiser zusammen mit dem damaligen Keyboarder Martin Hartmann. Der verarbeitet darin die Trennung von seiner damaligen Lebensgefährtin. Diese war u.a. Managerin der Scherben, und ist heute Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages: Ex-Grünen Chefin Claudia Roth. Mit sechs weiteren Songs wird das Album im Winter 85/86 in Berlin aufgenommen. Das Ergebnis öffnet Reiser Türen. Auch in die breite Masse. Eingefleischte Fans wenden sich ab.

Fluch und Segen

"Rio I" wird ein voller Erfolg. Reiser kann sich von den finanziellen Altlasten der Scherben befreien. Ein Grund ist zum einen "König von Deutschland". Der Song ist bis heute auf jedem Dorfschützenfest zwischen Flensburg und Füssen zu hören und taucht darüber hinaus in dutzenden Coverversionen auf. Zudem sind es Reisers scheinbar einfache Texte. So einfach, aber eingehend, dass sich nur wenige davor verschließen können. Das gilt auch für den Song "Junimond". Dieser ist eine Besonderheit. Denn viele Menschen bekommen den im Erscheinungsjahr von "Rio I" lediglich am Rande mit. Erst als ihn die Band ECHT aus Flensburg 14 Jahre (!) später covert, setzt sich der Song im Speicher der Massen fest.

Gegenüber diesem Erfolg wittern alte Wegbegleiter natürlich einen Ausverkauf ihrer linken Ideale. Sie betiteln Reiser jetzt als Schlager-Fuzzi. Im besten Fall. Reiser aber weiß: Es sind gerade diese Ideale, die für den Niedergang der Scherben stehen. In seinen Memoiren heißt es: "Für Lindenberg, Maffay oder Müller-Westernhagen war es kein Problem 40 Mark (…) für eine Eintrittskarte zu verlangen. Bei Scherbens galt es aber als unmoralisch, mehr als 15 Mark (…) hinzulegen." Mit "Rio I" geht die Reiser-Reise weiter. Der Anarchist wird Monarchist. Zu Recht: Denn viele verneigen sich bis heute vor seiner Musik. Lang lebe der König!

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