SWR 1 Meilensteine (Foto: SWR)

1991 - SWR1 Meilensteine

Sting - "The Soul Cages"

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Sting macht Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre eine schwere Zeit durch. Er hat eine Schreib-Blockade. Diese insgesamt drei Jahre sind auch für ihn ungewöhnlich lang.

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Musik als Theapie - Stings Ausbruch aus dem "Seelen-Käfig"

Der Grund: Er leidet am Tod seiner Eltern, die in den Jahren davor kurz hintereinander verstorben waren. Mit "The Soul Cages" überwindet er sowohl ihren Tod als auch seine Schreib-Blockade.

Die "Seelen-Käfige" - eine alte irische Legende

Dass sich Sting während dieser Zeit wie in einem Gefängnis vorkommt – wie in einem Seelen-Gefängnis – ist kein Wunder. Den Titel der "Soul Cages" hat er allerdings nicht selbst erfunden. Der ehemalige Englisch-Lehrer kennt sich gut aus in der englisch-sprachigen Literatur. Und so wird er bei einem irischen Kunst-Märchen fündig. Thomas Keightley veröffentlicht 1828 die Geschichte "The Soul Cages". Er bedient sich dabei irischer Märchen-Motive – und ein bisschen bedient er sich bei den Gebrüdern Grimm, wie er in einem Brief an Wilhelm Grimm am Neujahrstag 1829 gesteht. Denn in den "Deutschen Sagen" (nicht zu verwechseln mit den früher erschienenen "Kinder- und Hausmärchen") ist unter Nr. 52 die Sage "Der Wassermann und der Bauer" gelistet. All diese Märchen verbindet eines: Das Bild von Seelen, die unter Wasser gefangen sind und befreit bzw. erlöst werden müssen.

Ein schwermütiges Konzeptalbum

Wie so viele Menschen hadert nun also auch Sting mit dem Tod seiner Eltern. Vieles ist unausgesprochen geblieben. Sich jetzt aber in ein depressives Elend zu stürzen, ist kein kreativer Ausweg für den Briten. Stattdessen entwickelt er ein Konzept-Album. Ein Konzept-Album, das zugegeben etwas schwermütig daherkommt. Allerdings auch wunderbar melancholisch – was etwas anderes ist. Musik-Fans schwelgen offenbar sehr gerne in dieser Stimmung, denn natürlich wird die LP trotz aller Schwermut zu einem großen kommerziellen Erfolg. - Wie sieht das Konzept dieser LP nun aus? Erzählt wird hier die Geschichte von "Billy". Er wächst (genau wie Sting) in Newcastle auf – einer nordenglischen Hafenstadt. Es gibt nur zwei größere Arbeitgeber: die Werft – und die Kohle-Mine. Und beide werden irgendwann für immer schließen und die Stadt in Armut stürzen. "Wenn Jesus lebt – warum ist das dann so ein gottverlassener Ort hier?!", fragt der verzweifelte Billy im Song "All this time".

Den Teufel unter Wasser unter den Tisch saufen

Es sind große Fragen, die Sting alias "Billy" hier aufwirft. Fragen nach Religion und nach dem Sinn des Lebens – und des Sterbens.  Fragen nach Erlösung kommen auf. Sting wird katholisch erzogen und gehört damit zu einer Minderheit im anglikanisch geprägten England. Und auf dieser LP hadert er überdeutlich mit dem Heilsversprechen seiner Religion. Erst kurz vor dem Ende des Albums erscheint der Titel-Song. Und hier sind wir dann angekommen in der oben erwähnten Märchenwelt. Denn Billy begegnet einem merkwürdigen Fischer, der unter Wasser lebt und in Hummer-Käfigen (!) Seelen aufbewahrt.

Sting - Symphonicities (Foto: Universal/Deutsche Grammophon - Clive Barda)
Sting Universal/Deutsche Grammophon - Clive Barda

Dieses teuflische Wesen ist aber zu einem Handel bereit: Wenn Billy die dort gefangene Seele des Vaters befreien will, muss er den Fischer unter den Tisch saufen. Gelingt ihm das, darf er mit der Seele fortziehen. Und genau das tut Billy dann auch. Es geht aber nicht in Richtung Himmel. Mit einem Schiff aus Newcastle geht es auf die „Insel der Seelen“.  Alle drei sind damit erlöst – sowohl Billy und die Seele seines Vaters – als auch Sting. Er hat am Ende seine Schreibblockade überwunden und veröffentlicht eine LP, die sich millionenfach verkaufen wird ...

Epilog

Das mit der "Insel der Seelen" ist nicht unbedingt der "Himmel", den wir im christlichen Sinne kennen. Und so gibt es als letzten Song der LP noch einen Seitenhieb in Richtung Religion: "When the angels fall" sagt vom Titel her schon alles. Im Text ist von "gefallenen Engeln" die Rede. Kirchen stürzen ein. Billy braucht das nicht mehr. Und eine Million Sonnen am Himmel (wie es im Text heißt) – die Sterne als Sinnbild für die Seelen von Verstorbenen – auch die braucht Billy nicht mehr…

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