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Adrian Beric (Foto: SWR, SWR1)

Der Titelsong gehört zu den am häufigsten fehlgedeuteten Songs der Rock-Geschichte – sogar bei englischen Muttersprachlern!

Etwas stimmt da nicht. Bruce Springsteen schmettert aus voller Kehle heraus, dass er in den USA geboren sei. Auf dem Album-Cover prangt der Ausschnitt einer riesigen amerikanischen Fahne – und Springsteen steht genau davor. Das wirkt ziemlich dick aufgetragen. Und das geht ja wohl mindestens in Richtung Patriotismus – wenn nicht sogar in Richtung National-Chauvinismus. Aber wie gesagt: Etwas stimmt da nicht. Das zeigt der Text von "Born in the USA". Und das zeigt das Cover – wenn man etwas genauer hinguckt.

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Springsteen sieht man da nur von hinten – und das auch nur ausschnittsweise. Von der Schulter an abwärts. Weißes T-Shirt, Jeans. Aus der rechten Gesäßtasche ragt ein Stück roter Stoff heraus – möglicherweise eine Mütze. Der linke – ziemlich muskulöse! – Arm ist deutlich sichtbar. Der rechte Arm dagegen ist kaum zu sehen. Er ist ein wenig vor den Körper gehalten. Und genau diese uneindeutige Körperhaltung sorgt damals sofort für Proteste. Die Leute fragen sich: Was macht der da mit seiner rechten Hand? Das wirkt irgendwie eindeutig uneindeutig. Wird da etwa eine sexuelle Handlung vorgenommen? Oder pinkelt Springsteen etwa auf die US-Fahne?

"Das Foto von meinem Arsch war besser als das vom Gesicht!"

Solche Fragen musste sich der Künstler schon ziemlich kurz nach Erscheinen der LP anhören. Und schnell gibt er im "Rolling Stone Magazine" eine Antwort. Für das Cover habe man viele Fotos von ihm gemacht; aber – Zitat: - "das Bild mit meinem Arsch drauf sah besser aus als das mit meinem Gesicht drauf. Und das mit dem rechten Arm ist Zufall. Da gab's keine versteckte Botschaft!".

Da merkt man mal, wie leicht es ist, bei einem breiten Publikum für Verwirrung zu sorgen. Und Springsteens Publikum ist groß. Sehr groß sogar. Und es wird mit dieser LP so groß wie noch nie. Vom Fleck weg wird das Album zu einem Multi-Millionen-Seller. Es ist bis heute das meistverkaufte Springsteen-Album überhaupt (bei Erscheinen werden mehr als 12 Millionen Exemplare abgesetzt – über die Jahrzehnte hinweg sollen es mittlerweile sogar 30 Millionen sein). Der Grund für den Erfolg – auch weit jenseits aller patriotischen Grenzen! – sind aber schlicht und einfach die packenden Musiker.

Eine Lobby für den "kleinen Mann" aus der Arbeiterklasse

Der Sänger singt nicht nur. Er schreit sich die Kehle aus dem Hals. Er schmettert, was das Zeug hält. Er gibt alles – so wie man das eben vom "Boss" kennt – und er ist dabei nichts anderes als ein Natur-Ereignis. Dabei kann er umgekehrt auch immer wieder zeigen, wie zartbesaitet er ist. Springsteen ist stolz darauf, aus der Arbeiterklasse zu stammen. Er ist stolz darauf, in seinen Texten genau das auszudrücken, was den sogenannten "kleinen Mann" von der Straße beschäftigt. Den, der keine Lobby hat; den, der einfach nur zur Arbeit geht (wenn es denn überhaupt Arbeit gibt!), der nach Hause kommt (wenn er denn überhaupt ein Zuhause hat!), der verliebt sein kann (wie wir alle!).

Das Verliebtsein spricht er in der zum Klassiker gewordenen Ballade "I´m On Fire" an. Das Schicksal des "kleinen Mannes" spricht er in "Born in the U.S.A." an. Dass wir uns alle manchmal zu Tode langweilen, und uns selber nicht im Spiegel ertragen können – davon erzählt er in "Dancing in the Dark". Und dass wir alle unsere Wurzeln haben – davon erzählt "My Hometown". Wobei dieses Lied aber eine bittere Abrechnung mit der damaligen Reagan-Ära ist – die dafür sorgt, dass aus der einst geliebten Heimat ein Ort wird, der vollkommen runtergekommen ist.

Text und Musik im Titelstück passen nicht so recht zusammen

Um nochmal auf das verwirrende Titelstück zu kommen: Rund um den Globus wird das Stück als patriotischer Akt gesehen – von manchen gefeiert, von Präsident Reagan vereinnahmt, von anderen verpönt. Sogar in englischsprachigen Ländern gibt es dieses krasse Missverständnis – denn die meisten Menschen hören nicht genau auf den Text.

Tatsächlich geht es hier um einen Vietnam-Veteranen, der völlig desillusioniert zurück nach Hause kommt. Der aber nicht als Held gefeiert wird, sondern mit Ablehnung, Trauer und Arbeitslosigkeit zu kämpfen hat. Vietnam war der erste Krieg, den die USA tatsächlich verloren hatten. Nachdem auch noch von amerikanischen Gräueltaten berichtet wurde, sank das Ansehen der Soldaten in der Öffentlichkeit nur noch weiter nach unten. Es sind diese buchstäblich gescheiterten Existenzen, von denen Springsteen erzählt. – Dass die euphorische Musik nicht zum textlichen Inhalt passt, hat das Missverständnis bis heute aufrecht gehalten. Es gibt nachdenklichere Alternativ-Versionen, bei denen Text und Musik deutlich besser zusammenpassen – diese Versionen sind aber weniger bekannt.

Fans bei Bruce Springsteen (Foto: SWR)

Später gesteht Springsteen, dass das Album sein Leben verändert habe – allein durch die schiere Masse an Publikum, die es erreicht habe. Von da an sei er auch vorsichtiger in seinen Texten geworden – um es nicht noch einmal zu merkwürdigen Missverständnissen kommen zu lassen. – Der Erfolg bleibt ihm treu über die weiteren Jahrzehnte. Im Frühsommer 2019 wird seine neue LP erwartet: "Western Stars" ist dann Studio-Album Nummer 19 des mittlerweile 69-Jährigen.

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