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Adrian Beric (Foto: SWR, SWR1)

Die Plattenfirma hält es für Harakiri. Denn wie soll man das bitte unterscheiden, wenn jede LP den exakt gleichen Titel trägt?! Man kann es unterscheiden! Die Solo-LP aus dem Jahr 1980 wird später einfach nur die Nummer "3" genannt – manchmal auch "Melt", weil das Titel-Bild so wirkt, als sei es zur Hälfte "geschmolzen". Es ist die LP mit den Kult-Hits "Biko" und "Games without frontiers".
 

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"Ist der etwa übergeschnappt?!"

"Melt" ist wohl ein Album, das viele Musik-Freunde nicht mehr unbedingt komplett auf dem Schirm haben (genauso wenig wie das Kuriosum, dass Peter Gabriel 1980 sogar eine komplett deutschsprachige Version herausgibt!). Ein Wiederhören sorgt für viele Überraschungen. Denn, dass das Album zu Recht als Meilenstein der Musikgeschichte gilt, hat natürlich seine Gründe. Musikalisch findet Peter Gabriel hier einen ganz eigenen Ton. Er wandelt auf dem sehr schmalen Pfad zwischen Independent-Sound und radio-tauglichen Melodien.

Wobei das Übergewicht aber eher in die alternative Richtung geht. Dieses Alternative ist damals aber z.B. für amerikanische Plattenfirmen eindeutig zu nicht-kommerziell. Das US-Label Atlantic Records lehnt die LP sogar mit sehr unfreundlichen Worten ab: Ob der Kerl übergeschnappt sei. Die ziemlich freche Bemerkung ist eine Andeutung auf den Song "Lead a normal life", in dem es tatsächlich um eine psychische Erkrankung geht.  Auch dass sich Peter Gabriel mit dem entsetzlichen Tod des südafrikanischen Bürgerrechtlers Steve Biko auseinander setzt, wirkt dort 1980 zunächst eher befremdlich. Es dauert also ein paar Monate, bis eine andere amerikanische Plattenfirma zugreift – nämlich Mercury. "Minimal Music" von Steve Reich als Inspiration.

Was sorgt da so sehr für Verwirrung?

Dieser Independent-Underground-Touch ist schon beim Eröffnungs-Stück deutlich hörbar. Von heute aus betrachtet meint man, schon fast ganz frühe Musik von "The Cure" zu hören. Das trockene Schlagzeug, Kratzgeräusche und Dissonanzen könnten genauso gut von den britischen Kollegen stammen. Und "No Self Control" hat einen Marimba-Sound, bei dem Depeche-Mode-Fans hellhörig werden. Denn dieser Klang taucht drei Jahre später in deren Song "Pipeline" vom Album "Construction Time Again" auf. - Ist Peter Gabriel jetzt etwa der Wegbereiter für The Cure und Depeche Mode?

Nein, natürlich nicht. Vielmehr ist er, genau wie die anderen Künstler, deutlich hörbar ein Kind seiner Zeit. Gabriel hat zwei Inspirations-Quellen, wie er auf seiner eigenen Homepage schreibt. Zum einen ist da der Sound der englischen Independent-Rockband "XTC". Von deren Klang ist er so angetan, dass er deren Produzenten mit an Bord holt. Zum anderen ist da noch der Komponist Steve Reich und seine "Minimal Music". Reich hatte 1976 seine berühmte "Music for 18 Musicians" veröffentlicht. Diese Komposition war auch vom Klang der Marimba geprägt. Diese Marimba, die mit dem Xylophon verwandt ist, findet dann eben auch ihren Weg in den britischen Alternative-Sound der frühen 80er Jahre.

Der Schlagzeug-Klang von "In the air tonight" wird geboren

Für amerikanische Plattenfirmen ist das alles ein bisschen zu viel des Guten. Und wie Peter Gabriel weiter genüsslich auf seiner Homepage schreibt: "Die wollten lieber, dass ich nach Doobie Brothers klinge! Man KANN auf seine Plattenfirma hören – muss man aber nicht!". Für ihn ist es auch Genugtuung, dass der sehr wichtige amerikanische Plattenmarkt damals durchaus gefallen findet an dieser außergewöhnlichen LP. Denn immerhin kann Gabriel hier ja auch auf viel prominente Hilfe zurückgreifen. Kate Bush ist bei zwei Songs die Background-Sängerin – wenn auch kaum merklich. Paul Weller (von "The Jam" und "The Style Council") ist einmal der Gast-Gitarrist. Und besonders wichtig: Phil Collins ist bei fast der Hälfte der Songs am Schlagzeug. Collins allein ist nicht das Bemerkenswerte.

Bemerkenswert ist hier ein spezieller Klang. Als Collins gerade lostrommelt, ist gleichzeitig die Gegensprech-Anlage zum Produzenten hinter der Scheibe geöffnet. Das sorgt für einen völlig anderen Sound. Die Drums haben plötzlich eine furchterregende Nähe, sie wirken plastischer als sonst, weil sie akustisch so wirken, als würden sie in einem engeren Raum stehen! Das alles wirkt viel knackiger und konturierter. Produzent Steve Lillywhite nennt das den "gated drum"-Effekt und wird genau diesen Effekt wenig später noch einmal erzeugen – dann aber noch genauer, noch plastischer. Denn die berühmte Schlagzeug-Explosion von Phil Collins bei "In the air tonight" wird aufnahmetechnisch diesen "Zufallsfund" nutzen – um Generationen von Hifi-Freaks damit zu beglücken.

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