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Barclay James Harvest geben 1980 ein spektakuläres Konzert im damaligen West-Berlin. 175.000 Besucher kommen gerne - denn der Eintritt ist frei. 

Wie viel waren denn dabei?

175.000? Das ist schon ´ne Nummer. Und da darf man ruhig staunen. Denn immer wieder hört man in den Jahren und Jahrzehnten danach, dass es möglicherweise vielleicht doch sogar 250.000 waren.

Das Gelände am Reichstag war frei zugänglich. Es gab also so etwas wie eine "Fluktuation". Aber die Band-Homepage von BJH begnügt sich mittlerweile auch damit, dass diese deutlich höhere Zahl vielleicht ein bisschen zu hoch gegriffen war. Ist aber auch egal, denn Tatsache ist, dass die britische Band damals ganz offensichtlich ein wahnsinnig erfolgreicher Publikums-Magnet ist. Solche Zuschauermassen kommen nicht einfach vorbei, wenn No-Names am Start sind.

Und Barclay James Harvest sind im Sommer 1980 sehr angesagt. Bis dahin haben die schon reihenweise Studio- und Live-Alben veröffentlicht - und das ein oder andere Best-of ist auch schon dabei. Was aber trotzdem verblüffend ist: Bis dahin hat die Band in Deutschland keinen einzigen Hit in den Single-Charts landen können. Selbst das mittlerweile zum Kultsong avancierte "Hymn" hatte in den 70er Jahren keine Käufer in Deutschland. 

Ein Konzert, das politisch motiviert ist

Aber immerhin Alben - die gehen gut in Deutschland. Und die sorgen dafür, dass die Briten eine sehr stabile Fan-Basis hierzulande haben. Beim Konzert im Sommer 1980 bedauern die Fans in Berlin allerdings, dass aus dem Quartett jetzt offiziell nur noch ein Trio geworden ist (beim Konzert helfen zusätzliche Live-Musiker).

Ein Jahr davor hatte Keyboarder Woolly Wolstenholmer die Band frustriert verlassen. Es gab Unklarheiten darüber, in welche Richtung sich die Truppe entwickeln sollte.

Damals hat die Band schon seit ein paar Jahren den Song "Berlin" im Repertoire. Eigentlich ein Liebeslied an eine geteilte Stadt, die damals wie kaum eine andere für den Horror des Kalten Krieges steht. Ein Krieg, der gar nicht so kalt ist, denn viele Menschen verlieren an der innerdeutschen Grenze ihr Leben. Für die Band war klar, genau dieses Lied unbedingt auch einmal live in Berlin aufzuführen - selbstverständlich in unmittelbarer Nähe zur Berliner Mauer. Die Aussage des Liedes ist klar - und damit ist auch die Aussage des Konzertes klar: Es ist politisch motiviert. Überschrift: "A concert for the people". 

Die Gitarre ist nicht zu hören!

Für Barclay James Harvest ist es das bis dahin wichtigste Konzert ihrer Karriere. Der Auftritt ist ein Triumph. Rein technisch gesehen geht aber alles schief, was nur schiefgehen kann. Die Veröffentlichung der Live-LP lässt ziemlich lange auf sich warten: zwei Jahre!

Die Band liefert ein blitzsauberes Konzert ab. Jeder Ton sitzt, instrumental wie vokal. Die Live-Qualität ist überragend. Aber die Technik will nicht mitmachen. Rückkopplungen nerven, aus den Lautsprechern dröhnt ein ständiges Brummen und Summen, wie auf der Homepage rückblickend nochmal genüsslich beschrieben wird. Die Gitarre von John Lees, die man z.B. bei "Loving is Easy" so prominent und wohlklingend hört, ist eigentlich ziemlich mitgenommen. Und beim Abhören einer ersten Mix-Version fragen sich alle: "Wieso hört man die Gitarre fast gar nicht!?". Was auch immer da schiefgelaufen war - so kann man das nicht veröffentlichen. Die Parts mit der E-Gitarre, die man seit 1982 hört, sind tatsächlich eine Mogelpackung. Die mussten nachträglich neu aufgenommen werden - die Techniker sprechen hier von einem "Overdub". 

 Barclay James Harvest - gibt es zweimal!

1987 schafft die Band das Kunststück, ein ähnlich gigantisches Konzert im Ost-Teil der Stadt aufzuführen. Wieder live, wieder ist der Eintritt frei und entsprechend wieder mit fast derselben Zuschauermasse: 170.000. Und was irgendwie paradox ist: Selbst den kritischen "Berlin"-Song dürfen sie hier spielen!

Barclay James Harvest sind auf der Höhe ihres Ruhms. Ähnliche Zuschauermengen werden sie nie wieder erreichen - bleiben aber eine fleißige Live-Truppe. 1989 kommt es zur merkwürdigen Trennung: Haupt-Songwriter war ja entweder Les Holroyd oder John Lees. Und beide machen mir ihrem eigenen Band-Projekt weiter. "Barclay James Harvest" gibt es seitdem kurioserweise gleich zweimal! Je nachdem, wessen Konzert man da besucht, hat man es entweder mit "John Lees´ Barclay James Harvest" oder mit "Barclay James Harvest featuring Les Holroyd" zu tun.

Der oben erwähnte Woolly Wolstenholme wird Jahrzehnte nach seinem Ausstieg wieder einsteigen - jedenfalls ein bisschen - und er tendiert dabei zu der John-Lees-Variante. Wolstenholme leidet jedoch unter schwersten Depressionen. Kurz vor Weihnachten 2010 weist er sich selber in eine psychiatrische Klinik ein. Dort wird er jedoch von einem anderen Patienten angegriffen. Wolstenholme soll zu seiner eigenen Sicherheit das Wochenende über lieber zu Hause bleiben. Eine tragische Fehl-Entscheidung! Zu Hause angekommen nimmt er sich das Leben. Er ist 63 Jahre alt.

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