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Adrian Beric (Foto: SWR, SWR1)

Bewusst oder unbewusst – Spliff liefern 1982 eine LP ab, die düster ist. Sie entspricht vollkommen dem damaligen Zeitgeist. Überall spürt man hier die Angst vor dem Atom-Krieg und der "roten Gefahr".

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Anfänge bei "Lok Kreuzberg" und Nina Hagen

Spliff machen keine Trallalla-Musik. Die Kombi startet schon in den frühen 70er Jahren als "Lokomotive Kreuzberg". Manchmal auch einfach nur "Lok Kreuzberg" genannt. Die Band fällt zwar auf – verdient aber kein Geld und löst sich nach wenigen Jahren wieder auf.

Drei der Jungs bilden dann mit Reinhold Heil das musikalische Back-up für Nina Hagen. Die "Nina Hagen Band" ist vom Fleck weg Kult. Weil es aber mit der exzentrischen Künstlerin schnell massive Probleme gibt (sie habe ausschließlich im Vordergrund stehen wollen, beschwert sich Gitarrist Bernhard Potschka später), löst sich die Band auf. Oder genauer formuliert: Die komplette Band verlässt die Sängerin Nina Hagen schon nach einem Jahr.

Aus Vertragsgründen muss die Truppe aber noch eine zweite LP als "Nina Hagen Band" aufnehmen – die bekommt dann passenderweise den Titel "Unbehagen". Denn die Sängerin ist nicht anwesend. Sie nimmt ihren Part in einem völlig anderen Studio auf.

Was soll eigentlich diese Zahl bedeuten?

Der Weggang ist damit die Geburtsstunde von Spliff. Die Gruppe bringt 1980 das englisch-sprachige Konzept-Album "The Spliff Radio Show" heraus – und das gleich mit mehreren Gast-Sängerinnen. 1980 ist also die eigentliche Geburtsstunde von Spliff.

Der große Durchbruch kommt schon 1982 mit Album Nummer zwei. Das trägt den etwas merkwürdigen Titel "85 555". Ist das eine Telefon-Nummer? Eine Postleitzahl kann es ja nicht sein. Die sind damals vierstellig.

Des Rätsels Lösung findet sich auf der Rückseite. Dreht man damals das Vinyl um, muss man in der Ecke oben rechts das Kleingedruckte beachten. Dort ist unter dem Label der Plattenfirma CBS genau diese Zahlenkombination wiederzufinden. Und damit ist klar: Das hier ist einfach nur ein Gag. Der Titel der LP ist einfach nur die Bestellnummer.

Seelische Abgründe im Kalten Krieg

Das Album "85 555" hat man heute besonders wegen der Kult-Songs "Carbonara" und "Deja vu" im Ohr. Ein komplettes Wiederhören wird aber zum Aha-Erlebnis. Denn Spliff zeigen hier sehr deutlich, dass sie ein Kind ihrer Zeit sind.

Wie gesagt: Das ist keine Trallalla-Musik. Das hier ist eine Reise in seelische Abgründe. Beim Hören taucht man ab in die Zeit des Kalten Krieges. Die Angst vor einem Atom-Schlag ist allgegenwärtig. Vor allem in West-Berlin, das ja schon rein geographisch im Zentrum des Kalten Krieges lag. Diese Angst wird natürlich auch in der deutschen Musik zum Thema. Berühmtestes Beispiel sind ja die "99 Luftballons" von Nena. Ist bei Nena von "Kriegsministern" die Rede, tauchen bei Spliff "bombige Minister" auf.

Der letzte Song auf dem Album heißt "Damals" und erschreckt mit seiner Endzeit-Stimmung. Und noch etwas anderes wird sehr deutlich: die damals allgegenwärtige Angst vor der "roten Gefahr" – also der Sowjetunion. Das Wort "Rot" kommt in zwei Drittel aller Songs vor. Und sowas ist kein Zufall. Manager Jim Rakete hat ein deutliches Gespür für diese Atmosphäre. Er ist – Star-Fotograf, der er schon damals ist – auch für das Album-Design zuständig. Es ist also kein Wunder, dass die Zahlenkombination "85555" in einer ganz bestimmten Farbe erscheint – nämlich rot.

So sehr die LP musikalisch und vom Wesen her ein Kind der 80er Jahre ist: Sie ragt als Kunstwerk heraus und ist damit im wahrsten Sinne des Wortes zeitlos. Eben ein Meilenstein…

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