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Mafia-Experte Sandro Mattioli zur internationalen Drogenrazzia "Kokainhändler sind häufig Gastwirte"

So einen massiven Einsatz gegen die Mafia hat es in Deutschland seit langem nicht mehr gegeben. Hunderte Polizisten durchsuchten am Mittwochmorgen Wohnungen, Büros und Restaurants, die der italienischen organisierten Kriminalität zugerechnet werden. Darüber haben wir mit dem Journalisten, Buchautoren und Mafia-Experten Sandro Mattioli geredet.

Journalist, Buchautor und Mafiaexperte Sandro Mattioli

Journalist, Buchautor und Mafia-Experte Sandro Mattioli

Sandro Mattioli, was könnte das BKA veranlasst haben, gerade jetzt zuzuschlagen?

Ich denke, das steht in Zusammenhang mit einer neuen Koordinierungsstelle, die bei Europol eingerichtet worden ist. Fakt ist aber auch, dass man mit Sicherheit in Deutschland gemerkt hat, dass mehr gegen die italienische Mafia getan werden muss, nachdem es vereinzelte Operationen gab. Aber halt nicht in so einem großen Rahmen.

Im Visier dieser Razzien soll die 'Ndrangheta stehen. Das ist der kalabrische Ableger der organisierten italienischen Kriminalität. Die stammen, wenn ich das richtig gelesen habe, eigentlich aus zwei kleinen Dörfern an der Südspitze Italiens.

Also nicht die 'Ndrangheta als solche, aber die unterschiedlichen Clans verteilen sich auf einzelne Dörfer. In diesem Fall ist es richtig, dass es relativ kleine Orte sind. Das sagt aber nichts über die Kraft dieser kriminellen Organisationen aus.

Die sollen vor einigen Jahrzehnten auch den amerikanischen Milliardärssohn John Paul Getty entführt und Lösegeld erpresst haben. Ein berühmter Fall.

Das ist richtig. Das war früher eine Strategie der 'Ndrangheta, um an Gelder zu kommen, die dann für die Finanzierung von Kokainhandel benutzt worden sind. Und darum geht es ja in diesem Fall – vor allem um Kokainhandel und was mit diesem Gewinn passiert.

Ich wollte gerade sagen, es geht ja bei dieser Razzia primär darum, den Drogenhandel zu unterbinden. Welche Rolle spielt die Mafia da, vor allem auch in Deutschland?

Die italienische 'Ndrangheta ist eine der führenden Organisatoren von weltweitem Kokainhandel. Das bedeutet, dass sie in direkten Kontakten mit den Kartellen vor Ort steht und damit eine Großhändlerfunktion übernimmt. Natürlich sind die Leute der 'Ndrangheta auch in Deutschland im Endhandel unterwegs. Aber jetzt nicht im Sinne von, dass sie auf der Straße Kokain verkaufen, sondern dass man, wenn man gute Beziehungen zu Händlern hat, bei denen Kokain erwerben kann. Diese Händler sind häufig auch leider Gastwirte.

Stichwort "Gastwirte": Jetzt haben wir in den Nachrichten gehört, dass neben Büros und Wohnungen, auch Restaurants durchsucht worden sind. Muss ich da eigentlich, ich sage mal als jemand der vielleicht gelegentlich in ein italienisches Restaurant geht, immer damit rechnen, dass der Inhaber da irgendwo in kriminelle Geschäfte verstrickt ist?

Zum Glück nicht immer. Mein Verein "Mafia? Nein, Danke!" ist ursprünglich entstanden als sich eine Bewegung von Gastwirten, die sich von der Mafia distanzieren wollten und sich auch distanziert haben, zusammengetan hat. Aber man muss leider auch feststellen, dass die Beteiligung von italienischen Gastwirten an der Mafia doch massiv ist und dass es sehr viele Gastwirte gibt, die Bezüge zur 'Ndrangheta und auch zu anderen Mafiaorganisationen haben.

Die Fragen stellte SWR1-Redakteur Armin Hering