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In seiner neuen SWR1-Kolumne spricht Psychiater und Bestsellerautor Manfred Lütz diesmal geht es um "die Stunde der Hausärzte".

Hausarzt, Landarzt, praktischer Arzt, solche Titel klingen irgendwie veraltet, nostalgisch verklärt oder verstaubt wie solider Krempel aus der guten alten Zeit. Fachärzte dagegen, hoch-spezialisierte medizinische Experten, Forscher, die kaum noch einen öffentlichen Satz formulieren können, in dem nicht das Wort „Studie“ vorkommt, sind Repräsentanten der neuen Zeit, die den medizinischen Fortschritt so weit getrieben hat, das der Tod eigentlich nur noch als vermeidbare Panne in den Blick kommt.

Doch Corona hat auch das radikal geändert. Plötzlich ist die medizinische Wissenschaft durch ein kleines hirnloses Virus abrupt an ihre Grenze gestoßen. Das Mittelalter wusste mehr über die Pest als wir heute über „Corona“. Denn wir kennen dieses unheimliche Lebewesen erst seit knapp über einem Jahr. All die Maßnahmen, die das Mittelalter gegen die Pest erfunden hatte, setzen wir jetzt auch ein: Abstand halten, Masken, Hygienevorkehrungen.

Es gibt "Ermüdungserscheinungen"

Das ist frustrierend, kränkend für den medizinischen Fortschrittsglauben, verunsichernd für die ganze Gesellschaft. Wie ausgeprägt die Katastrophe und wie hilflos die Menschheit ist, haben wir durch Routinedebatten über eher Banales verdrängt. Wie hätten wir reagiert, wenn ein Atomschlag, ein Erdbeben, ein Tsunami schlagartig 3 Millionen Menschen getötet hätte? Noch vor 2 Jahren hätten wir die Meldung absurd gefunden, dass das Leben rund um den Globus für über ein Jahr weitgehend stillstehen würde? Doch weil wir mitten in dieser Katastrophe stecken, wird sie alltäglich.

Doch jetzt gibt es „Ermüdungserscheinungen“. Der schleppende Verlauf der Impfkampagne, die wahlkampfgetriebenen Kapriolen der Politiker, dazu die eigene bedrückte Situation, das macht Menschen mürbe und sie verlieren das Vertrauen.

Deswegen ist jetzt alles gefragt, was Vertrauen stärkt. Da kommt sogar Religion ins Spiel, ebenso gute Freunde und am Ende dann auch der Hausarzt. Denn der ist gerade jetzt kein Fossil aus längst vergangenen Zeiten, sondern ein Garant medizinischer Seriosität. Jeder sollte einen Hausarzt haben, der all die fachärztlichen Untersuchungen und Therapien koordiniert.

Impfen bedarf besonderen Vertrauens

Der Hausarzt sollte einen im besten Sinne ganzheitlichen Blick auf den Patienten haben. Er kennt die ganze Lebensgeschichte, das persönliche und berufliche Umfeld und kann damit ausgezeichnet eventuelle psycho-somatisch Wechselwirkungen zwischen seelischen Belastungen und körperlichen Störungen einschätzen.

Impfen bedarf besonderen Vertrauens, denn da erlaubt ein Mensch eine eingreifende medizinische Maßnahme – obwohl er völlig gesund ist. Deswegen werden Impfstoffe so akribisch überprüft. Impfzentren sind sterile Orte künstlicher, unpersönlicher, routinemäßiger Begegnungen. Der Hausarzt dagegen kennt den Patienten, muss daher vieles nicht erfragen und weiß genau, was er wie erläutern muss. Er ist somit die Vertrauensperson schlechthin. Deswegen ist die aktuelle Aktivierung der Hausärzte ganz sicher der richtige Weg. Mein Hausarzt kann nämlich besser impfen als Professor Drosten und Professor Streeck und sogar als Professor Lauterbach. Denn mein Hausarzt kennt mich.

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