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Professor Fred Zepp, Direktor der Kinder- und Jugendmedizin der Uniklinik Mainz, hat sich intensiv mit der Corona-Impfung und der Impfstoffproblematik beschäftigt. Hier beantwortet er die Fragen der SWR1-Hörerinnen und -Hörer.

SWR1: Gibt es Vorerkrankungen, die eine Corona-Impfung ausschließen?

Fred Zepp: Es gibt sie, aber nur eine ganz kleine Gruppe von Erkrankungen. Eine Impfung stimuliert unser Immunsystem, und es gibt natürlich auch Menschen, die nur ein eingeschränkt funktionierendes Immunsystem haben. Das kann eine angeborene Störung sein oder wenn ein Patient aufgrund einer anderen Erkrankung Medikamente bekommt, die das Immunsystem in seiner Funktion beeinträchtigen. Dann muss ich als Arzt prüfen, ob das Immunsystem überhaupt in der Lage ist, auf den Impfstoff zu antworten. Gibt es keine Abwehrantwort des Immunsystems, dann ist es natürlich nicht sinnvoll zu impfen. Die zweite Gruppe, die wir ins Auge fassen müssen, sind Menschen mit schweren allergischen Vorerkrankungen. Aber nicht jede Allergie wäre ein Hinderungsgrund, einen solchen Impfstoff zu bekommen. Es geht dabei allenfalls um Allergien, bei denen es gegenüber Bestandteilen des Impfstoffes schwere Reaktionen gegeben hat. Die Mehrzahl der Allergiker im Lande können diese Impfstoffe aber ohne Probleme verarbeiten.

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SWR1: Bedeutet das im Umkehrschluss, dass Menschen mit schweren Herzerkrankungen, Schlaganfall, Demenz grundsätzlich „impffähig“ sind?

Zepp: Alle Menschen mit schwerwiegenden chronischen Erkrankungen sind impffähig. Sie profitieren besonders davon, weil sie in ihrer speziellen Situation ein viel höheres Erkrankungsrisiko haben.

SWR1: Unterliegen die zugelassenen Impfstoffe dem Patentrecht?

Zepp: Im Prinzip unterliegen die neu zugelassenen Impfstoffe, wie andere Produkte, die industriell hergestellt werden, einem gewissen Patentschutz. Der soll garantieren, dass überhaupt neue Produkte entwickelt werden. Ansonsten würden die Hersteller ihre Entwicklungskosten nicht mehr zu zurückführen können. Allerdings muss man sich in einer Notfallsituation mit den Herstellern zusammensetzen, wie das ja aktuell auch schon geschieht, und prüfen, ob für das bestehende Patent eine Lizenz vergeben werden kann. Man muss sich allerdings darüber klar sein, dass Impfstoffe nicht nur einfach aus chemischen Substanzen bestehen, wie das zum Beispiel bei Aspirin der Fall ist. Das kann jeder mit den entsprechenden Substanzen "nachbauen". Impfstoffe sind biologische Produkte. Bei der Herstellung werden Teile von Infektionserregern genutzt oder der ganze Infektionserreger gezüchtet. Dieser Erreger wird dann in seiner Qualität, Erkrankungen zu erzeugen, abgeschwächt. Oder das Beispiel der MRNA-Impfstoffe: Dort wird nur ein kleines Stückchen, ein Schnipsel aus dem Bauplan des Virus benutzt. Und das heißt, es ist gar nicht so einfach möglich für andere Unternehmen, auch wenn sie in der Pharmaindustrie arbeiten, genau diese Herstellungswege nachzubauen. Man kann nicht einfach sagen: Ich bestellte das jetzt beim Hersteller X und habe es in der nächsten Woche. Da muss eine Herstellungseinrichtung geschaffen werden, und die muss zertifiziert werden. Das dauert Wochen oder Monate und das ist bei allen Impfstoffen so. Sie sind nicht einfach nachzubauen.

SWR1: In Russland und China wurden Impfstoffe teilweise unter Auslassung von Studien, also unter Umgehung wissenschaftlicher Standards hergestellt. Jetzt sind diese Mittel aber auch schon ein paar Wochen oder paar Monate im Einsatz. Weiß man in Fachkreisen, wie sie wirken oder ob es möglich wäre, diese Impfstoffe möglicherweise auch bei uns anzumelden?

Zepp: Über den Entwicklungsweg der Impfstoffe aus Russland und auch aus China wissen wir in Europa tatsächlich sehr wenig. Es ist es auch relativ wenig über diese Stoffe in der wissenschaftlichen Literatur aufgetaucht, so dass die meisten Fachleute in unseren Kreisen diese Produkte extrem zurückhaltend beurteilen. Bevor ich jemandem so einen Impfstoff empfehle, muss ich wie bei allen anderen Impfstoffen die Möglichkeit haben, aus der wissenschaftlichen Literatur zu erkennen, wie die Nebenwirkungen sind. Ist da wirklich eine Wirksamkeit da? Und das ist für diese Produkte im Augenblick noch nicht gegeben. SWR1: Wenn jemand eine Corona-Infektion durchgemacht hat, ist dann eine Impfung überhaupt noch sinnvoll? Zepp: Wenn der Patient eine nachgewiesene Infektion gehabt hat, also ein Abstrich gemacht wurde und vielleicht sogar nach einigen Wochen noch einmal im Blut nachgeschaut wurde, ob er Antikörper entwickelt hat, dann sollte er zunächst mal geschützt sein. Das heißt, er muss sich nicht unbedingt jetzt impfen lassen. Er kann sich aber impfen lassen. Wir wissen aus den Zulassungsstudien, dass auch Menschen, die schon einmal an Corona erkrankt waren, kein erhöhtes Nebenwirkungsrisiko haben, wenn sie die Impfung bekommen. Allerdings ist es so, dass uns die überstandene Infektion alleine auch schon schützt. Dazu ist gerade in diesen Tagen eine wissenschaftliche Arbeit erschienen, die sehr umfangreich untersucht hat, dass Menschen nach überstandener Infektion mindestens acht Monate lang geschützt sind. Im weiteren Verlauf ist es natürlich nicht schädlich, die Abwehrreaktion, die man nach einer Infektion entwickelt hat, noch einmal aufzufrischen und auf ein höheres Niveau zu bringen.

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SWR1: Wird es künftig, wenn genügend Impfstoff vorhanden ist, einen Impfrhythmus geben, vergleichbar zu Grippe-Impfung?

Zepp: Das können wir noch nicht beantworten. Es ist in der Tat so, dass man bei vielen Atemwegsinfektionen, gegen wir impfen, gezwungen ist, immer wieder Auffrischungsimpfung durchzuführen. Bei Grippe ist das fast im jährlichen Abstand notwendig. Das hat aber damit auch zu tun, dass alle Viren mutieren. Das ist eigentlich gar nicht so überraschend, dass wir das bei den Coronaviren auch sehen. Bei den Grippeviren ist es aber so, dass sie sich sehr intensiv verändern, sodass es tatsächlich erforderlich ist den Impfstoff anzupassen. Das heißt, in den meisten Fällen sieht der Grippe-Impfstoff von diesem Jahr anders aus als vom Vorjahr. Es ist selten, dass beide völlig identisch sind. Diese Anpassung braucht man bei den Coronaviren im Augenblick wahrscheinlich nicht zu befürchten. Es verändert sich nicht in der Intensität wie das Grippevirus. Durchaus schwindet aber die Immunität nach jeder Infektion und auch nach jeder Impfung langsam, bis ich erneut Kontakt mit dem Erreger oder dem Impfstoff habe. Es ist denkbar, dass wir uns nach zwei oder drei Jahren erneut immunisieren müssen. Es ist aber auch denkbar, dass uns, wenn wir eine gute Durchimpfung haben, ein neuer Kontakt mit dem Virus uns nicht krank macht, sondern ausreicht, die durch die Impfung erzeugte Abwehr zu stärken. Beides ist möglich. Die Frage werden wir in zwei oder in fünf Jahren beantworten können, aber leider nicht heute.

SWR1: Stimmt es, dass eine Herden-Immunität nicht erfolgen kann, solange nicht erwiesen ist, dass man nach einer Impfung niemanden mehr anstecken kann?

Zepp: Das ist begrenzt richtig. Die Impfstoffe werden aktuell daraufhin geprüft, dass sie die Krankheit verhindern. Wenn ich Abwehr-Eiweiße im Blut habe, die verhindern, dass das Virus in meine Lunge kommt und dort eine schwere Erkrankung erzeugt, kann ich natürlich trotzdem einen Schnupfen haben. Dabei vermehren sich die Viren in der Nase, also in einem Raum, in dem sie gar nicht in den Blutkreislauf eindringen. Das ist eben auch der Unterschied zur Immunität nach einer Infektion. Nach einer Infektion erzeuge ich auch Schleimhaut-Immunität. Das bedeutet: Der Infizierte ist vielleicht sogar ein bisschen vollständiger geschützt als der geimpfte Mensch. Aber es ist klar, dass ich eine Infektion nicht so intensiv durchlebe wenn ich geimpft bin als wenn ich nicht geimpft bin. Das heißt selbst wenn ich Viren noch weitergeben kann, tue ich das auf keinen Fall so intensiv wie der völlig ungeschützte Mensch. Es ist schon richtig, dass wir das im Augenblick noch nicht genau wissen. Aber wenn beispielsweise 70 Prozent der Menschen durch Impfung oder durch eine überwundene Infektion geschützt sind, sinkt das Risiko, dass das Virus sich in großen Mengen zwischen uns bewegen kann.

Das Gespräch führte Hanns Lohmann.

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