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Kriminalpsychologe Rudolf Egg zu Gaffern "Das Böse ist faszinierender als das Normale"

Wenn ein Unfall passiert, greifen einige Menschen nach ihrem Handy, nicht um den Notruf zu wählen - sondern um Bilder und Videos zu machen. Wieso Menschen solche schreckliche Ereignisse festhalten möchten, erläutert Kriminalpsychologe Rudolf Egg im Gespräch mit SWR1.

Kriminalpsychologe Rudolf Egg

Kriminalpsychologe Rudolf Egg

Warum gucken wir auf das Leiden anderer und halten es fest?

Nun das Böse, das Schreckliche, das Schlimme ist schon immer faszinierender als das Normale. Das zeigt sich bei jedem Krimi und Thriller, dass Menschen eben so etwas gerne anschauen. Dass man das auch in der Realität macht, dass man dabei auch Fotos macht, das kann natürlich in einer extremen Form geschehen, sodass man dann nicht mehr von einer normalen Schaulust, sondern schon von einer Art Voyeurismus sprechen könnte. Was aber nicht bedeuten muss, dass jeder, der so etwas betrachtet, jeder der ein Bild macht, dann auch schon pathologisch sein müsste.

Das Ganze hat auch noch einen anderen Aspekt. Es ist nämlich so, dass wir Menschen wissen, dass uns ständig irgendwelche Gefahren drohen können. Zum Glück trifft es einen ja nur äußerst selten, so ein schreckliches Erlebnis. Wenn aber in unmittelbarer Nähe so etwas passiert, dann ist man sozusagen ganz nah dran, aber irgendwie noch vorbeigeschrammt. Dieses Mal hat es einen Anderen getroffen und das Betrachten des Leidens von anderen dient dann nicht zur sadistischen Befriedigung, sondern eher der Beruhigung. Das hat etwas Tröstliches an sich und muss nicht immer in einer krankhaften Weise interpretiert werden.

Die Gaffer bei diesem Unfall in Bad Sobernheim, die haben einiges unternommen, um ihren Trieb da zu befriedigen. Um Mitternacht sind sie dort hingegangen, um zu gaffen. Ist die Polizei da zu Recht empört?

Nicht nur die Polizei, sondern die Opfer von diesem Unfall oder Angehörige. Das ist keine schöne Sache und das kann auch strafrechtliche Konsequenzen haben für die Betreffenden.

Wir leben im digitalen Zeitalter. Fördern Smartphones und Videokameras das Gaffen?

Sie machen es leichter. Jeder hat heutzutage ständig eine Kamera dabei, nämlich in seinem Smartphone. Das macht es leichter, dass man solche Schreckensbilder weitergibt und weiterleitet. Das ist eine Folge dieser neuen Technologien.

Was haben Gaffer davon, wenn sie Fotos und Videos vom Unfall ins Internet stellen?

"Ich war dabei" - das hat etwas Authentisches. "Ich kann berichten, ich war vor Ort, ich bin so eine Art Berichterstatter des Schrecklichen und des Bösen." Das kann im Ansehen meiner Kumpel mein Selbstgefühl oder meine Achtung steigern. Das hat damit was zu tun, dass insbesondere für junge Menschen, die sonst nicht sehr viel zum Vorzeigen haben, das zumindest eine gespielte Aufwertung bedeuten kann.


Das Interview führte Frank Jenschar.