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Von fehlender Maske bis hin zu großen Partygruppen - viele Menschen halten sich nicht mehr an die Corona-Regeln. Konfliktmanager Christoph Michalski erklärt, wie man damit umgehen kann.

SWR1: Denken wir mal an die Bilder vom Ballermann. Warum handeln manche so, als sei Corona kein Thema?

Christoph Michalski: Das ist ein biologisches Phänomen: Katastrophenmüdigkeit. Normalerweise ebbt eine Katastrophe nach einer gewissen Zeit ab und gerät in Vergessenheit. Jetzt bestimmen seit Monaten Katastrophenmeldungen die Schlagzeilen, ohne ein absehbares Ende. Wir werden müde. Das ist ein Schutzmechanismus der Natur, ein Reaktionsmuster, damit wir nicht nur noch leidend in der Ecke sitzen. Wir entwickeln eine gewisse Sorglosigkeit. Das soll das Verhalten nicht entschuldigen, sondern erklären. 

SWR1: Wie geht man damit um? Sollte der vernünftige Urlauber, der möglicherweise sogar draußen mit Mund-Nasen-Schutz unterwegs ist, den unvernünftigen Urlauber ansprechen oder sogar zur Rede stellen?

Michalski: Das ist für sozusagen eine Frage von Sitte, Moral und Anstand. Man kann die Menschen ansprechen, sollte dabei aber folgendes bedenken: Katastrophenmüdigkeit basiert auf dem Gefühl mangelnder Sicherheit – ein Grundbedürfnis von Menschen. Wenn das nicht erfüllt wird, werden Menschen aggressiv. Sie neigen zu Handlungen, die unvernünftig sind.

Zum Beispiel jemanden in absoluter Partylaune, der bewusst unvernünftig ist, kann man wahrscheinlich nicht in eine sachliche Diskussion verwickeln. Er wäre dafür gar nicht empfänglich, weil er in einem emotionalen Ausnahmezustand ist. In diesem Falle empfehle ich konkret, eine Kombination aus Worten und Körpersprache.

Christoph Michalski (Foto: Christoph Michalski privat)
Auf Regelverstoß ansprechen "Ja", aber mit der richtigen Körperhaltung empfiehlt Konfliktmanager Christoph Michalski Christoph Michalski privat

Nehmen wir das Beispiel der Nähe und der Distanz: Wenn mir jemand von diesen beschriebenen Menschen zu nahe kommt, dann strecke ich meine Hand aus und unterbreche unseren Blickkontakt mit der Handfläche nach vorn. Dann sage ich mit bewusst leiser Stimme: "Bitte halten Sie Abstand." Das ist eine paradoxe Situation für mein Gegenüber, denn einerseits strahle ich mit meiner Körperhaltung eine gewisse Aggressivität aus, andererseits passt aber meine weiche Stimme nicht dazu. Dann bleiben zwei Möglichkeiten: Entweder es wird der Person bewusst, was sie falsch macht und sie hört auf. Oder sie ist durch meine Art und Weise so irritiert, dass sie inne hält und ich mich aus der Situation zurückziehen kann. Denn diskutieren hat definitiv keinen Zweck. 

SWR1: Was empfehlen Sie in folgender Situation: Der Bus ist voll. Der einzige freie Platz ist neben einem Mann, der keine Maske trägt oder die Maske so trägt, dass die Nase frei ist. Wie reagiere ich da am besten?

Michalski: Wenn ich sitzen will, den Mann ansprechen, und zwar in einer bestimmten Abfolge: "Ich möchte mich gerne neben Sie setzen. Sie tragen keine Maske und das bereitet mir eine gewisse Sorge. Können Sie bitte eine Maske aufsetzen?" Dann entscheidet er sich. Entweder er entschuldigt sich, dass er es vergessen hat und setzt die Maske auf oder er sagt: "Jetzt seien Sie mal nicht so empfindlich!" Dann weiß ich, da setze ich mich nicht hin.

SWR1: Und wenn jemand die Maske sozusagen so trägt, dass die Nase frei ist, wirkt dann ein entsprechendes Gespräch belehrend?

Michalski: Damit haben Sie den wunden Punkt genau getroffen. Das ist eine sehr schwierige Situation. Ich würde das Problem hier in einer Ich-Botschaft ansprechen: "Mir würde es besser gefallen, oder auf mich würde es beruhigender wirken, wenn Sie die Maske auch über die Nase ziehen." Dann greife ich die Person ja nicht an, ich sage nicht: "Sie sollen das machen." So eine Reaktion würde auf Widerstand stoßen.

SWR1: Häufig werden auch im Einzelhandel die Regeln nicht eingehalten. Spricht man dann den Ladenbesitzer an hört man: "Stellen Sie sich nicht so an, Corona ist halb so wild." Gibt es da überhaupt eine Chance, mein Gegenüber zu erreichen?

Diese Situation ist mir in einer Bäckerei in meinem sozialen Umfeld passiert. Ich habe versucht das Problem anzusprechen und merkte, sie waren überzeugt, dass ich überempfindlich bin. Daraufhin habe ich eine gewisse Müdigkeit verspürt, sie zu überzeugen, denn manche lassen sich nicht überzeugen. Mein Rat: Einfach die Bäckerei wechseln.

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